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2010

Sylvia Löhrmann

Bis 2017 Ministerin für Schule und Weiterbildung (Bündnis 90/Die Grünen) und stellvertretende Ministerpräsidentin der rot-grünen Landesregierung in Nordrhein-Westfalen

Sylvia Löhrmann studierte von 1975 bis 1981 Anglistik und Germanistik auf Lehramt an der Ruhr-Universität. Nach ihrem Referendariat arbeitete sie von 1984 bis 1995 als Lehrerin an einer Gesamtschule in Solingen. Hier begann auch Mitte der 1980er Jahre ihr kommunalpolitisches Engagement für die Partei Die Grünen; ihr Spezialgebiet ist Bildungs- und Schulpolitik. 1995 wurde Löhrmann Landtagsabgeordnete in NRW;  bei der Landtagswahl NRW am 9. Mai 2010 trat Sylvia Löhrmann als Spitzenkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen an. Bis 2017 war sie Ministerin für Schule und Weiterbildung und stellvertretende Ministerpräsidentin der rot-grünen Landesregierung in NRW.

Der Campus an sich ist ja nun nicht besonders attraktiv, aber wenn man in den G-Gebäuden in einer der höheren Etagen sitzt [...] und man ins grüne Lottental – das hat schon viel kompensiert vom ansonsten versteinerten Gelände.

RUB Alumni: Bildungspolitik ist Ihr „Steckenpferd“, wie war denn Ihr Studium damals an der Ruhr-Universität?

Löhrmann: Ich habe ab 1975 Anglistik und Germanistik für das Lehramt studiert, ausgerechnet während einer Umbruchsituation: Damals wurde von den Schulformlehrämtern auf die Stufenlehrämter umgestellt. Wir waren das erste Semester, das davon betroffen war, und die universitären Strukturen waren auf Vieles nicht vorbereitet. Zum Beispiel sollten wir einen großen Baustein Pädagogik absolvieren, aber weil die Kapazitäten nicht ausreichten, konnte man ersatzweise Soziologie, Psychologie und Philosophie belegen, um auf die nötige Stundenzahl zu kommen. – Für die Erweiterung meines Horizontes war das wunderbar, aber  zur Vorbereitung auf die Unterrichtspraxis war es eigentlich unzureichend, das geschah dann erst  später im Referendariat.
An dieser rein fachwissenschaftlichen Ausrichtung krankt ja die deutsche Schule bis heute: Es herrscht das Denken vor: „Wir unterrichten Fächer“ – und nicht, „Wir unterrichten Kinder“.
Trotzdem habe ich leidenschaftlich gerne studiert und gelernt, ich habe den Stoff und die fachwissenschaftlichen Dinge begierig aufgesogen.

RUB Alumni: Und haben Sie später im Referendariat dieselbe Leidenschaft auch für das Unterrichten entwickeln können?

Löhrmann: Das habe ich, auf jeden Fall! Als ich anfing zu studieren, hatte ich ja erst einmal gar nicht vor, Lehrerin zu werden. Dann habe ich aber während des Studiums ein Praktikum in einer Schule gemacht, und durch die Erfahrungen, die ich dort mit den Jugendlichen sammeln konnte, habe ich gemerkt, dass mir das Lehramt doch Spaß machen würde. Und nach einem Besuch der Laborschule in Bielefeld, einer Vorzeige-Reformschule, war mir klar: Schule muss und kann anders werden, mit neuen Unterrichtsformen. Der Grundstein für die Freude am Unterrichten wurde also schon während des Studiums gelegt. Ich habe dann ja auch meine Examensarbeit im Bereich Pädagogik geschrieben und nicht in einem meiner Studienfächer.

RUB Alumni:  Gab es an der Ruhr-Universität Lehrende, die Sie besonders geprägt haben?

Löhrmann: Prof. Rodi war für mich persönlich sehr wichtig, und Prof. Schaller. Bei ihm hatten wir damals ein Seminar über die Kritische Theorie, das war für mich ein Wendepunkt, was systematisches Denken anging: Da musste man sich schon sehr reinarbeiten. Als Jürgen Habermas 2006 den Staatspreis von Nordrhein-Westfalen bekommen hat, konnte ich ihn bei seiner Rede erleben, und da kamen natürlich einige Erinnerungen wieder hoch: Was haben wir uns da durchgewühlt, durch diese Bücher!

RUB Alumni: Gab es sonst noch prägende Erlebnisse während Ihres Studiums?

Löhrmann: Ja natürlich, es war ja eine Zeit, in der die Studentenbewegung schon ein bisschen abebbte und in der die Grünen gegründet wurden. Es gab die ersten Anti-AKW Demos. Der AStA zeigte den Film „Die Herren machen das selber, daß ihnen der arme Mann feyndt wird“, ein Dokumentarfilm über den Widerstand gegen das Atommüll-Lager Gorleben. Dieser Film hat mich sehr aufgerüttelt, das weiß ich noch wie heute.  – Als mich jetzt im Wahlkampf die Leute gefragt haben, „Seit wann sind Sie denn Grüne?“, da ist mir das wieder eingefallen. Insofern erfolgte meine "linke" Sozialisation eindeutig an der Ruhr-Universität, mein politisches Interesse wurde dort vertieft.

RUB Alumni: Haben Sie auch die Kommilitonen damals als politisiert erlebt?

Löhrmann: Natürlich haben wir viel diskutiert. Ich erinnere mich an Diskussionsveranstaltungen mit Petra Kelly und Rudi Dutschke. Oder an den sehr bewegenden Auftritt von Wolf Biermann in Bochum, kurz nach dessen Ausbürgerung aus der DDR [1976, Anm. d. Red.]. Ich kann mich auch an einen Diskurs mit Hans-Christian Ströbele über den  § 129a erinnern. Da waren natürlich die unterschiedlichen Strömungen spürbar: inwieweit ist das Recht und inwieweit muss man sich dagegen zur Wehr setzen? Ströbele hat dann den für mich sehr wichtigen Hinweis gegeben, dass er zwar gegen diese Paragraphenverschärfungen ist, dass er aber selbstverständlich das, was die RAF gemacht hat, verabscheut und dass seine Verteidigung der Mandanten nichts damit zu tun hat, dass er etwa die Politik und den Terrorismus der RAF gut fände. Das waren für mich als junge Studierende schon Schlüsselsätze, die auch mein politisches Denken geprägt haben. Natürlich ist er nach dieser Äußerung auch beschimpft worden von Leuten, die mehr auf Seiten der RAF waren. Da war eine ganz klare Trennlinie sichtbar. Auch im Umfeld der Proteste gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf wurde natürlich diskutiert, welche Widerstandsformen wir anwenden.

RUB Alumni: Wie haben Sie während Ihres Studiums gewohnt?

Löhrmann: Anfangs habe ich noch in meinem Elternhaus in Witten-Herbede gewohnt und bin mit meinem Mokick zur Uni gefahren. Später habe ich mit meinem damaligen Lebensgefährten in Bochum gewohnt. Aber diese klassische studentische WG-Erfahrung habe ich nicht gemacht.

RUB Alumni: Gibt es einen Ort auf dem Campus, mit dem Sie besondere Erinnerungen verbinden?

Löhrmann: Ich habe mich gerne und lange in den Bibliotheken von Germanistik und Anglistik aufgehalten, die sehr gut ausgestattet waren. Der Campus an sich ist ja nun nicht besonders attraktiv, aber wenn man in den G-Gebäuden in einer der höheren Etagen sitzt, und es wird ruhiger, und dann schaut man ins grüne Lottental – das hat schon viel kompensiert vom ansonsten versteinerten Gelände der Ruhr-Universität Bochum.

RUB Alumni: Fällt Ihnen eine nette Anekdote aus der Zeit Ihres Studiums ein?

Löhrmann: In den Vorlesungen von Prof. Rodi über die deutsche Geistesgeschichte saß ich strickenderweise; natürlich hörte ich währenddessen zu, und ich schrieb zwischendurch immer wieder etwas auf, wenn es wichtig war. Eines Tages sprach mich Herr Rodi nach seiner Vorlesung darauf an und sagte, dass ihn das störe. Ich fragte zurück, was genau ihn störe und es entspann sich ein Dialog darüber, ob ich in der Vorlesung aufmerksam sei, was ich natürlich bejahte. Schließlich rückte Herr Rodi mit dem wahren Grund heraus: jedes Mal, wenn ich das Strickzeug weglegte und etwas aufschrieb, fragte er sich, „Was habe ich jetzt gerade so Wichtiges gesagt, dass sie jetzt das Strickzeug weglegt und es aufschreibt?“ – Das  war es, was ihn aus dem Konzept brachte, weniger das Stricken an sich. Danach ließ ich das mit dem Stricken aber sein.

RUB Alumni: Nach den Landtagswahlen in NRW sind Sie jetzt in einer schwierigen Situation: die Sondierungs- und Koalitionsgespräche finden statt und Sie müssen stundenlang, manchmal bis in die Nacht hinein, miteinander verhandeln. Wie schafft man das körperlich und wie schafft man es auch, die eigene Motivation aufrecht zu erhalten, wenn man immer wieder auf Schwierigkeiten stößt?

Löhrmann: Das schafft man, indem man weiß, dass man für die gute, richtige Sache unterwegs ist. Das habe ich schon in der Kommunalpolitik gelernt: Wenn Sie einmal etwas ausgehandelt haben und das dann eine Mehrheit findet und es letztendlich Wirklichkeit wird – das sind dann die berühmten „Erdnüsse“ von Johannes Rau, von denen man immer mehr haben möchte. Etwas zu gestalten, was man richtig findet und wofür man legitimiert ist durch die Wahlentscheidung, das ist die Antriebsfeder. Und natürlich auch das Wissen, dass man gewinnend und überzeugend ist, daraus schöpfen Politikerinnen und Politiker ihre Kraft. Aber man muss Dauerläuferin sein (lacht), und nicht Sprinterin. Ich bin schon eine Dauerläuferin.

RUB Alumni: Wenn Sie heute an die Bochumer Studierenden denken, möchten Sie ihnen etwas mit auf den Weg geben?

Löhrmann: Dass sie trotz des engen Gestrüpps von Bachelor- und Masterstudiengängen versuchen, mit der Freiheit des Denkens und des Geistes über den Tellerrand hinauszuschauen. Dass sie mitnehmen, was Universitäten an Entfaltungsmöglichkeiten bieten, dass sie über das Mindeste hinaus Universität und die Möglichkeiten des Lernens aufsaugen und nutzen, z. B. auch mit einem Auslandssemester. Denn diese Chancen sind so groß wie später nie wieder.