RUB » Alumni » Im Gespräch » Wissenschaft » Uwe Lemmer

2004

Dr. Uwe Lemmer

Direktor des Carl-Zeiss-Planetariums in Stuttgart

Dr. Uwe Lemmer studierte an der Ruhr-Universität von 1979 bis 1986 Physik und Astronomie und wurde 1990 zum Dr. rer. nat. promoviert. Nach seinem Studium arbeitete Dr. Lemmer zunächst in der Raumfahrtindustrie bei der Deutschen Aerospace (heute EADS). Als Systemingenieur und Fachbeauftragter "Betrieb & Dienste" war er unter anderem für die Nutzlast-Anpassung für die International Space Station (ISS), die Instrumentierung von Wissenschafts-Satelliten und die Planung von Satellitenkommunikations-Projekten zuständig. Einen Jugendtraum erfüllte sich Lemmer, als er 1996 die Leitung des Nicolaus-Copernicus-Planetariums in Nürnberg übernahm. Seit 2008 ist er Direktor des Carl-Zeiss-Planetariums in Stuttgart.

Die Leute erkundigen sich dann, ob das ein Ufo ist, eine Supernova oder was ganz anderes.

RUB Alumni: Wie sieht der Arbeitsalltag eines Planetariumsdirektors aus?

Dr. Lemmer: Ich leite die Verwaltung des Planetariums und mache die Geschäftsführung in Abstimmung mit dem Kulturamt der Stadt Stuttgart. Die fachliche und wissenschaftliche Leitung ist natürlich auch eine wesentliche Aufgabe, das heißt Planetariumsprogramme zu entwickeln, zu produzieren, durchzuführen und ein akademisches Programm dazu anzubieten. Dazu gehören Kursveranstaltungen über Astronomie, aber auch Seminare über Astrophysik für die interessierte Bevölkerung.
 
RUB Alumni: Auf Ihrer Internetseite steht, dass Sie eine „astronomische Sprechstunde“ anbieten. Was wollen die Leute denn da so wissen?

Dr. Lemmer: Die Fragen gehen querbeet, was den Leuten gerade so durch den Kopf geht. Oft haben sie abends am Himmel irgendwas gesehen, im Augenblick ist zum Beispiel die Venus als heller Lichtpunkt zu sehen. Die Leute erkundigen sich dann, ob das ein Ufo ist, eine Supernova oder was ganz anderes, und diese Fragen beantworte ich dann.

RUB Alumni: Warum haben Sie damals in Bochum studiert?

Dr. Lemmer: Das war eine ganz pragmatische Wahl. Ich wollte Physik und Astronomie studieren und da stand in erster Linie Bochum zur Wahl. Das Astronomische Institut in Bochum hatte damals wie heute weltweit einen ausgezeichneten Ruf. Es bestehen auch sehr gute Verbindungen zur europäischen Südsternwarte, daher war die Wahl naheliegend. Außerdem wohnte ich damals bei meinen Eltern in Wuppertal und nach Bochum ist das ja nur ein Katzensprung. Damals, als der Sprit noch bezahlbar war, konnte man da jeden Tag hinfahren!

RUB Alumni: Können Sie sich an Ihren ersten Kontakt mit der Universitätsbürokratie erinnern? Wie war denn Ihre Immatrikulation?

Dr. Lemmer: Die war eigentlich genauso schlimm, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich hatte die ganzen Unterlagen da hingeschleppt, dann hieß es Schlange stehen und warten … Das nahm ich aber hin wie Vieh, das im Gütertransport transportiert wird. Und dann hielt ich irgendwann das Studienbuch in der Hand und sagte mir „Toll, jetzt bin ich auch richtig immatrikulierter Student.“ Das war ein tolles Gefühl! Dann habe ich erst mal da reingeguckt und festgestellt, da musste man überall noch Scheine eintragen … und dann wurde mir langsam klar: Da kommt noch was auf mich zu.

RUB Alumni: Und wie war Ihr erster Eindruck von der Campusarchitektur?

Dr. Lemmer: Das kann man eigentlich nur mit einem Wort ausdrücken: Katastrophe. Völlig unübersichtlich, eine graue Betonwüste. Vor allem wenn man im Herbst zu studieren anfängt und es geregnet hat, dann sieht der Beton noch trauriger aus, im Nassen. Und in den Katakomben, da unten in den Gängen, die die Hörsäle und die N-Gebäude zum Beispiel miteinander verbinden, da sieht alles gleich aus. Man hat sich zwar später liebevoll mit einer Farbgebung bemüht, aber es hat trotzdem Monate gedauert, bis ich mich in den unterirdischen Gängen zurechtgefunden habe. Ich habe auch am Anfang ziemlich schlecht geschlafen und häufig davon geträumt, dass ich mich da verlaufen habe.

RUB Alumni: Oh je …

Dr. Lemmer: Nach einiger Zeit hatte ich mich daran gewöhnt. Aber schön war die Ruhr-Universität von dieser Innenansicht her nicht. Das wurde noch gesteigert für Leute, die mit dem Auto kamen: Die erste Herausforderung morgens früh war, ins Parkhaus reinzukommen, obwohl man keine Parkberechtigung hatte. Und dann der zweite Teil des Alptraums: Man stellt sein Auto ab, geht das Treppenhaus hoch und steht oben auf dem großen Platz vor dem Audimax. Wenn man dann nach einem langen Tag am späten Nachmittag wieder ins Parkhaus kommt und sich nicht gemerkt hat wo man geparkt hat, dann hat man wirklich schlechte Karten.

RUB Alumni: Wie würden Sie denn Ihr Studium an der RUB beschreiben?

Dr. Lemmer: Arbeitsintensiv. Ich erinnere mich immer noch, dass es sehr schwierig war, die Scheine in der Theoretischen Physik zu bekommen. Ansonsten muss ich sagen, wenn man studiert, kommt einem das Studium wie der Mittelpunkt der Welt vor. Hinterher im Berufsleben merkt man, das Leben ist eigentlich noch viel härter. Die Geborgenheit eines Bildungssystems wie der Uni gibt es im Berufsleben nicht mehr. Im Nachhinein sagt man dann über die Uni „War doch noch ganz harmlos“.

RUB Alumni: Gibt es denn etwas, das Sie am meisten vermissen, wenn sie an Ihre Studienzeit denken?

Dr. Lemmer: Ja, diese Freiheit. Im Berufsleben ist man viel stärker eingebunden. Das habe ich aber erst dann wirklich gemerkt. Wenn man Student ist, ist man Student. Und das ist auch gut so. Da hat man den Kopf noch für Dinge frei, die dann hinterher langsam verdrängt werden.

RUB Alumni: Haben Sie noch Kontakte zu früheren Kommilitonen?

Dr. Lemmer: Eigentlich nicht mehr so viel. Man lebt sich doch ziemlich auseinander. Das hätte ich auch nicht gedacht. Wenn man so viele Jahre an der Uni verbringt, besonders als Assistent an einem Institut, meint man, man wird sich so schnell nicht verlieren. Nach meinem Studium bin ich nach München gegangen, also weit weg von Bochum. Internet gab es damals erst in bescheidenen Ansätzen, so dass ich die Kontakte schnell verloren habe. Aber: Als ich kürzlich hier in Stuttgart angekommen bin, habe ich plötzlich einen Anruf bekommen von einem ehemaligen Kommilitonen, der im Augenblick bei der Stadt Stuttgart arbeitet. So greift man plötzlich alte Kontakte, die seit zwanzig Jahren brach lagen, wieder auf.

RUB Alumni: Gibt es denn Personen, die Sie an der RUB kennengelernt haben, mit denen Sie noch besondere Erinnerungen verbinden? Zum Beispiel Lehrende, die Sie besonders geprägt haben?

Dr. Lemmer: Einer der nettesten und feinsten Menschen, die ich an der RUB kennengelernt habe, war mein Doktorvater. Das war der Prof. Joachim Dachs, der war so ein richtiger vorbildlicher Wissenschaftler, menschlich sehr angenehm. Mit dem habe ich sehr gerne zusammengearbeitet. Und Professor Feitzinger, der jahrelang Professor an der Uni war und gleichzeitig Direktor vom Planetarium in Bochum, mit dem hat mich auch Vieles verbunden. Jemand, an den sich meine Studentengeneration, die mit Physik und Didaktik was zu tun hatte, noch erinnert, war Richard Heinrich Giese. Der hat die Extraterrestrische Physik in Bochum aufgebaut und war nicht nur menschlich sehr zugänglich, sondern auch fachlich ausgezeichnet. Leider ist er viel zu früh verstorben. Natürlich erinnere ich mich auch an viele Kommilitonen. Eine Kollegin von mir war die erste Frau, die am Astronomischen Institut der Ruhr-Universität promovierte und hatte es dementsprechend nicht leicht …

RUB Alumni: Wann war das?

Dr. Lemmer: Das muss so 1991 gewesen sein. Sie hat einen Dammbruch erzeugt, danach hat es noch viele andere Promotionen von Frauen am Astronomischen Institut gegeben. Jetzt ist das wahrscheinlich die normalste Sache der Welt, dass da Frauen promovieren, aber damals war das noch nicht der Normalfall.

RUB Alumni: Haben Sie noch einen Gegenstand aus Ihrer Studienzeit aufgehoben?

Dr. Lemmer: Viele Unterlagen aus dem Studium habe ich noch verwahrt. Die kommen mir zum Teil noch ganz gelegen, weil ich im Planetarium kleine Vorlesungen halte für näher interessierte Leute, durchaus auf Grundstudiumsniveau. Außerdem habe ich noch so einen programmierbaren Taschenrechner, damit habe ich damals meine Übungen und kleinere Rechnungen gemacht. Und einen Kugelschreiber, kein spektakuläres Teil, aber ich habe mir angewöhnt, mir jedes Mal, wenn ich einen Positionswechsel habe, einen neuen Kugelschreiber zu kaufen. Der Kugelschreiber vom Studium hat so einen Rot-Braun-Ton. Den gibt’s wahrscheinlich nicht mehr zu kaufen. Aber den hab ich noch!

RUB Alumni: Wie war das damals, als Sie nach der Promotion in die Industrie gegangen sind?

Dr. Lemmer: Für mich war der Beginn in der Industrie ein regelrechter Kulturschock. Als Physiker von der Universität war ich dieses lockere Leben gewohnt, und dann wurde ich auf einmal Bestandteil eines großen Konzerns. Das fing damit an, dass ich alles was ich bis dato an Kleidung hatte, erst einmal vergessen konnte. Namen wie „Hugo Boss“ waren vorher nur eine theoretische Größe für mich. Plötzlich musste ich mir solche Anzüge zulegen, um so zu erscheinen, wie es erwartet wurde.

RUB Alumni: Wie lange sind Sie dort geblieben und wie ging es danach weiter?

Dr. Lemmer: Ich war fünf Jahre da, im Wesentlichen in Ottobrunn, also bei der ehemaligen Firma MBB. Wir haben Studien durchgeführt, wie man wissenschaftliche Nutzlasten an der Internationalen Raumstation anbringen und einsetzen kann. Zum Schluss war ich in einem kommerziellen Satellitenbetreibergeschäft untergebracht. Ich habe einen wissenschaftlichen Satelliten, damals der größte Infrarotsatellit der jemals gebaut worden ist, mit zusammengebaut. Wenn so ein Satellit dann startet und im Weltall ist, dann kann man nicht mehr Hand anlegen. Das heißt, alle Fehler, die man möglicherweise gemacht hat, rächen sich gnadenlos. Der Satellit funktionierte aber einwandfrei, insofern war ich da ganz erleichtert.

RUB Alumni: Dann sind Sie an das Planetarium in Nürnberg gekommen. Von der Industrie zurück ans Planetarium …?

Dr. Lemmer: Ich hatte schon immer eine große Leidenschaft für Planetarien. Das war der Grund, warum ich überhaupt Astronomie studiert hatte. Nach meiner Promotion gab es aber keine interessante Position in einem Planetarium in Deutschland, also bin ich erstmal in die Industrie gegangen. 1995 schließlich schrieb die Stadt Nürnberg die Stelle eines Planetariumsleiters aus. Da stand ich dann vor der Entscheidung, mich dort zu bewerben. Da ich von der Industrie ganz andere Gehälter gewohnt war als im öffentlichen Dienst, war das schon eine Entscheidung. Für mich stellte sich aber die Frage „Soll ich mir jetzt noch mal meinen Jugendtraum erfüllen, oder nicht?“ Bewerben kostet ja nichts, also hab ich mich beworben. Dann wollten die mich auch noch haben! Und ich entschied mich, aus der Industrie wieder auszusteigen. Damit hatte sich für mich ein Herzenswunsch erfüllt. Ich habe dann 12 Jahre lang im Nürnberger Planetarium gearbeitet, bis ich hierher nach Stuttgart gekommen bin.

RUB Alumni: Hat Sie Ihr Studium auf Ihre berufliche Tätigkeit gut vorbereitet?

Dr. Lemmer: Fachlich ganz sicher. Die Ausbildung an der Ruhr-Uni im Bereich Physik und Astronomie hatte schon immer einen guten Ruf und das ist, denke ich, heute noch so. Unabhängig davon, ob die jetzt Meriten im Bereich der Exzellenzinitiative haben oder nicht. Das ist das Eine. Aber ich wurde natürlich im Laufe des Studiums auf verschiedene Dinge überhaupt nicht vorbereitet. Als ich in der Industrie war und beispielsweise meine Daten präsentieren sollte, musste ich diese nicht nur darstellen, sondern gleichzeitig etwas verkaufen. Die ganzen betriebswirtschaftlichen Aspekte, die ein Berufsleben mit sich führt, kamen im Studium nicht vor. Genauso wenig der Umgang mit Menschen. In der Industrie traf ich plötzlich auf bestimmte Hierarchien, lernte geschriebene und ungeschriebene Gesetze kennen. Es wurde von mir verlangt, dass ich nach bestimmten Denkweisen arbeite und das war ich in der Freiheit der Forschung und Lehre nicht so gewohnt.

RUB Alumni: Möchten Sie heutigen Studierenden noch etwas mitgeben?

Dr. Lemmer: Wenn man da an der Uni mitten im Studium steckt und sich um Scheine kümmert, nur Beton um sich herum sieht und möglicherweise nicht so recht erkennen kann, wo Licht am Ende des Tunnels ist, dann ist meine Botschaft: Es gibt auch ein Leben jenseits des Betons! Und: Never ever give up. Die Astronomie hat ja ein bisschen was mit Raumfahrt zu tun, und die Astronauten -  mit denen ich mich keineswegs vergleichen möchte - die werden darauf trainiert, niemals aufzugeben, wenn sie in einer kritischen Situation sind.
Die zweite Botschaft ist eine etwas betrübliche, aber das ist nun mal Lebenserfahrung: Die richtig harten Sachen, die kommen danach. Das Berufsleben ist nicht einfach. Die Welt wird interessanter, weil vielgestaltiger, aber wer in die Wirtschaft geht, der muss sich auf ein etwas ruppigeres Klima einstellen. Der Konkurrenzdruck und der Überlebenskampf, auch von ganzen Unternehmen oder Konzernen, der ist heutzutage wirklich hart.

RUB Alumni: Vielen Dank für das Gespräch.

RUB Alumni-Verzeichnis

eintragen und Mitglied werden