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2009

Thomas Jorberg

Vorstandssprecher der GLS Bank

Thomas Jorberg studierte nach seiner Banklehre von 1982 an Wirtschaftswissenschaften an der Ruhr-Universität. 1985 schloss er sein Studium mit dem Diplom ab. Heute ist er Vorstandssprecher der GLS Bank.

 

 

 

Da konnte man zu Opel gehen oder auch
mal in ein Bergwerk, das hat mir gefallen.

RUB Alumni: Ursprünglich kommen Sie aus Baden-Württemberg. Wie hat es Sie nach Bochum verschlagen?

Jorberg: Vor dem Studium habe ich eine Banklehre bei der GLS Bank gemacht, ich bin also richtiges „Eigengewächs“ hier aus dem Hause. Nach der Lehre bin ich noch mal nach Stuttgart gegangen, weil ich dort aufgewachsen bin und habe dort angefangen zu studieren. Dass es mich wieder zurück nach Bochum gezogen hat, dafür gab es vielfältige Gründe. Die GLS Bank war hier, ich hatte hier meinen privaten Freundeskreis und an der Uni gab es die Möglichkeit das Fach Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Es war mir immer wichtig, Volkswirtschaft und Betriebswirtschaft zusammen zu studieren.

RUB Alumni: Wie war das, als Sie das erste Mal auf dem Campus standen?

Jorberg: Ich kannte die Uni natürlich schon vorher, insofern war ich nicht  bei der Einschreibung zum ersten Mal da. Der Eindruck war: praktisch, aber nicht schön.

RUB Alumni: Wie beurteilen Sie die Campusarchitektur im Nachhinein, mit 20 Jahren Abstand?

Jorberg: Genauso. (lacht)

RUB Alumni: Können Sie kurz zusammenfassen, was Ihnen an Ihrem Studium am wichtigsten ist?

Jorberg: In den ersten Semestern habe ich vom studentischen Leben nicht so viel wahrgenommen. Das Studium stand im Vordergrund. Ansonsten hatte ich verschiedene andere Projekte und Interessen, die zum Teil mit der Bank zusammenhingen., Aber ich habe zum Beispiel auch Geschäftsführungstätigkeiten in einem Kindergarten übernommen. Für mich war das Studium in Bochum einfach praktisch. Man ging zur Uni und hatte dort alles auf einem Fleck - vom Vorlesungssaal, den Seminarräumen bis hin zur Mensa und Uni-Center. Das war der vorherrschende Eindruck.

RUB Alumni: Haben Sie neben dem Studium noch andere Angebote auf dem Campus wahrgenommen?

Jorberg: Das Segeln habe ich damals mitgemacht. Was ich außerdem sehr gut fand, waren die Angebote in den ersten Semestern, Betriebe zu besuchen. Da konnte man zu Opel gehen oder auch mal in ein Bergwerk, das hat mir gefallen.

RUB Alumni: Gab es Umstände im Studienbetrieb, die Sie als veränderungswürdig betrachtet haben?

Jorberg: Die Vorlesungen waren nicht meine größte Freude. Die wurden ja damals durch die Kommunistischen Gruppen regelmäßig vehement gestört. Dazu haben sie sich gleichmäßig auf den Hörsaal verteilt und durch ihre Fragen und Einrufe die Vorlesung dominiert und blockiert. Das fand ich ein bisschen bedauerlich, denn es hat eine Stimmung erzeugt, in der ein kritischer Diskurs mit Professoren kaum möglich war. Zumindest nicht in Vorlesungen und zum Teil auch in Seminaren nicht.

RUB Alumni: Was waren die Themen, über die man hätte sprechen müssen?

Jorberg: Eine ganze Reihe von Fragen. Eine Frage, die mich auch damals schon sehr beschäftigt hat: Was ist eigentlich das Ziel von Wirtschaften? Ist Gewinn wirklich das einzige Ziel? Ich habe aber auch selbst des Öfteren zu hören gekriegt, wenn es Ihnen hier nicht gefällt, dann können Sie ja nach Bremen gehen. Das war damals ein geflügeltes Wort.

RUB Alumni: Zu Ihrem beruflichen Einstieg: Sie haben während des Studiums auch schon bei der Bank gearbeitet?

Jorberg: Ja, aber nicht nur. Bis auf das letzte Jahr, in dem ich mich auf das Studiums konzentriert habe, habe ich zum Beispiel ein freies Opernensemble gemanagt und war für die Finanzierung zuständig. Das waren tolle Erfahrungen für das spätere Berufsleben.

RUB Alumni: Wie bewerten Sie Ihr Studium in Hinsicht auf die Vorbereitung für Ihre jetzige berufliche Tätigkeit?

Jorberg: Das wichtigste, was ich gelernt habe, ist, Dinge die ich brauche, relativ schnell wieder aufzufinden. Es ist ja nicht so, dass man alles intus hat und dann auch immer behält. Ich hab mir damals Zivilrecht als Wahlfach ausgesucht, was für mich im Berufsleben außerordentlich wichtig war. Die spezielle BWL war bei mir natürlich Kreditwirtschaft, aber es war nicht das Wahlfach. Was für mich heute noch wichtig ist, ist in volkswirtschaftlichen Kategorien zu denken.

RUB Alumni: Was bedeutet das konkret?

Jorberg: So wie ich bei uns im Unternehmen sage: Jeder Mitarbeiter muss seinen eigenen Verantwortungsbereich gut machen, aber er muss dabei auch das Gesamtunternehmen im Blick behalten. Und wenn man in einem Unternehmen tätig ist, muss man darüber hinaus mit Blick auf die Gesamtvolkswirtschaft arbeiten. Also Verantwortung wahrnehmen, die weit über das rein Betriebswirtschaftliche hinausgeht. Dass das kaum stattfindet, ist eines der großen Probleme, die wir heute haben.

RUB Alumni: Gestern war der Jahrestag des Insolvenzantrags der Bank Lehman Brothers. Die GLS Bank ist davon als ganz anders strukturierte Bank nicht betroffen. Empfinden Sie angesichts der jetzigen Wirtschaftskrise so etwas wie Schadenfreude?

Jorberg: Nein, für solche Gefühle und Überheblichkeit ist gar keine Zeit, muss man ehrlich sagen. Wir haben unglaublich viel zu tun, weil wir sehr erfolgreich sind. Die Krise ist nach wie vor viel zu ernst, als dass man sich zurücklehnen könnte. Wir haben nach wie vor einen enormen Zustrom, in diesem Jahr hatten wir schon 25% Wachstum und werden noch über 30% kommen. Immer mehr Menschen wollen diese abstrakte, rein auf die Rendite ausgerichtete Geldanlage, egal womit und mit welchen Folgeschäden, nicht mehr haben. Wenn ich sage „viele“ ist das natürlich immer noch relativ, aber es werden deutlich mehr.

RUB Alumni: Lassen Sie uns noch mal kurz auf Ihr Studium zurückkommen. Gibt es jemanden, mit dem Sie besondere Erinnerungen verbinden? Zum Beispiel Lehrende, die Sie besonders geprägt haben?

Jorberg: Klar gibt es da einige. Was mir immer noch sehr präsent ist, ist ein Gespräch mit Professor Thieme, das in meinem achten Semester stattfand. Es ging darum, wie und in welcher Zeit ich das Studium beenden sollte. Er hat mir geraten: „Ziehen Sie das einfach durch, melden Sie sich an“ - und das war gut. Ich glaube, ich hätte länger studiert ohne das Gespräch mit ihm. 

RUB Alumni: Sie hätten sich sonst mehr Zeit genommen?

Jorberg: Ja,  es ging auch um die Frage ob ich mir das zutraue. Das war schon ein gewaltiges Sieben an der RUB. Damals haben glaube ich nur 30 oder 40 Prozent der Erstsemester den Abschluss gemacht. Zwischendurch und auch beim Diplom sind viele rausgeflogen. Es war also auch eine Mutfrage.

RUB Alumni: Gibt es einen Gegenstand aus Ihrer Studienzeit, den Sie heute noch besitzen?

Jorberg: Ich habe noch eine ganze Reihe von Lehrbüchern. In die habe ich aber jahrelang nicht mehr reingeguckt, muss ich auch zugeben. Und die kleinen Karteikarten, die ich mir damals gemacht hatte zur Prüfungsvorbereitung,  habe ich auch noch. Die habe ich auch hin und wieder mal benutzt.

RUB Alumni: Was bedeutet Ihr Studium für Ihr Leben?

Jorberg: Es war und ist für mich eine wichtige Grundlage, auch fachlich, aufgrund der Breite. Von Zivilrecht über öffentliches Recht über volkswirtschaftliche Fragen, das war für mich wichtig und genau das, was ich damals wollte.

RUB Alumni: Gibt es etwas, das Sie gerne heutigen Bochumer Studierenden mit auf den Weg geben würden?

Jorberg: Ja, die Zusammenhänge zu hinterfragen. Inhaltlich habe ich natürlich schon so manche Kritik am Studium, aber auch an den letzten dreißig Jahren. Die Wissenschaft hat  viele Schritte mitgebracht. Es ist zentral, Grundlagen der Ökonomie wirklich zu hinterfragen und nachzudenken. Also zum Beispiel die Frage: „Was ist eigentlich das Ziel von Wirtschaften?“ Das ist eben nicht die Gewinnerzielung. Das ist ökonomisch falsch. Ziel unternehmerischer Tätigkeit ist immer die Kundenbefriedigung. - Und auch die Frage „Was ist Ökonomie?“ Dass es einen Widerspruch zwischen „Ökonomie“, „Ökologie“ und „Sozialem“ gibt, wird heute oft aufgebaut, aber wenn man meint, hier gäbe es einen Widerspruch, hat man Ökonomie nicht verstanden. Insofern rate ich also dazu, diese Zusammenhänge mehr zu hinterfragen. Wir haben ja ein erschreckendes Defizit an gesundem ökonomischen Menschenverstand in Wirtschaftspolitik und leider auch in Wissenschaft.

RUB Alumni: Haben Sie das Gefühl, dass da ein Umdenken stattfindet oder haben sich jetzt alle von dem Schrecken erholt und machen weiter wie vorher?

Jorberg: Beides. Es gibt auch viele, die so weitermachen wie vorher. Das war ja auch Teilziel, zunächst mal zu stabilisieren, damit nicht alles zusammenbricht. Für Veränderungen gibt es eigentlich nur zwei Treiber: Einsicht und Not. Und jetzt stellt sich die spannende Frage: Wenn die Not beseitigt ist, ist die Einsicht, die daraus gewonnen wurde, groß genug? Wenn sie es nicht ist,  wird der nächste Crash kommen und  wird dann wahrscheinlich noch etwas größer sein als der, den wir jetzt erlebt haben. So nüchtern sehe ich das. Die Lernkurve ist nicht sehr hoch, das ist auch ein Problem unseres Systems. Auch bei der Geldanlage haben wir eine systemisch organisierte Verantwortungslosigkeit. Sie haben ein gegebenes Risiko und eine gegebene Laufzeit und wenn Sie zwei unterschiedliche Renditen oder Zinssätze sehen, nehmen Sie immer den höheren. Unabhängig davon, womit diese erzielt wird und unabhängig vonden Nebenwirkungen. Insofern kommt Verantwortung im jetzigen System nicht vor und das muss geändert werden.

RUB Alumni: Vielen Dank für das Gespräch!