RUB » Alumni » Im Gespräch » Sport » Michael Henke

2004

Michael Henke

Co-Trainer beim 1. FC Köln

Michael Henke studierte Sportwissenschaft und Geographie auf Lehramt und gehörte der RUB Fußball-Mannschaft an, die 1979 zum ersten Mal den Europameister-Titel nach Bochum holte. Während seiner Studienzeit spielte er zudem in mehreren Vereinen als Profi-Fußballer. Nach dem Studium absolvierte er ein Referendariat, entschied sich anschließend jedoch für eine Karriere als Trainer und Assistenztrainer im Profi-Fußball. Michael Henke war lange Jahre Co-Trainer von Ottmar Hitzfeld, wurde dann Chef-Analytiker und Leiter der Spielbeobachtung beim FC Bayern München und ist seit Juni Zvonimir Soldos Co-Trainer beim 1. FC Köln.

Aber die Wiege des Fußballs liegt
eigentlich im Ruhrgebiet.

RUB Alumni: Sie sind jetzt schon seit 10 Jahren in Süddeutschland. Verbindet Sie denn noch etwas mit dem Ruhrgebiet?

Henke: Doch, ich liebe das Ruhrgebiet. Ich komme aus Büren in Ostwestfalen. Da habe ich auch eine lange Zeit meiner fußballerischen Karriere verbracht. Es war eigentlich gar nicht so weit bis zum Ruhrgebiet, aber durch das Studium habe ich es dann wirklich zu schätzen gelernt. Auch die Ruhr-Universität habe ich zu schätzen gelernt. In manchen Fällen habe ich diese Anonymität der Uni genutzt. Dass man nicht so in Beobachtung war, wie das zum Beispiel im Schulbetrieb der Fall ist. Ich hatte natürlich auch das Glück, dass ich über den Fußball schnell Leute kennen lernte. Beispielsweise im Rahmen der Uni-Mannschaft. Und auch Studenten älterer Semester kannte ich schon durch den Fußball. Das war ein Vorteil, den ich mir schnell zu Nutze gemacht habe. Mir gefällt einfach die Mentalität im Ruhrgebiet. Die Menschen sind so ein bisschen „gerade heraus“. Die sagen einem auch, wenn Sie jemanden für einen – auf gut deutsch – „Arsch“ halten, aber sagen dann auch: „OK, lass uns trotzdem zusammen ein Bier trinken, vielleicht bist Du ja gar nicht so übel.“ Diese Art finde ich gut.

RUB Alumni: Vermissen Sie in Bayern manchmal diese Ruhrgebiets-Mentalität?

Henke: Das ist hier schon ein bisschen anders, wobei mir Bayern auch gut gefällt. Hier wird sehr viel Wert auf Tradition gelegt. Das finde ich in manchen Dingen gar nicht so schlecht, so ein bisschen konservativ zu sein. Und wenn man sieht, wie die Bayern hier ihre Feste feiern, erkennt man auch ein starkes Selbstbewusstsein. Ich habe mich im Ruhrgebiet sauwohl gefühlt, gerade auch was Fußball angeht. Klar, Bayern München hat einen riesigen Stellenwert in Deutschland. Aber die Wiege des Fußballs liegt eigentlich im Ruhrgebiet. Wenn ich als Co-Trainer von Borussia Dortmund vor Spielen freitagabends im Trainingslager war, dann bin ich mal eben nach Duisburg oder Essen gefahren und habe mir da Spiele angeschaut. In fast halbstündiger Entfernung konnte man drei Erstliga-Spiele und drei Zweitliga-Spiele sehen. Wenn ich mir die ganzen Traditionsvereine anschaue, dann kann ich nur sagen: Ruhrgebiet, dass ist Fußball pur. Und wenn man die Enge da sieht, eben Dortmund, Bochum, Gelsenkirchen. Erste Liga auf so engem Raum und überall sind die Stadien voll. In Dortmund 80.000, auf Schalke 60.000. Das ist schon Wahnsinn, was da bewegt wird.

RUB Alumni: Es wäre natürlich schön, wenn in Bochum das Stadion auch immer so voll wäre, wie in Gelsenkirchen und Dortmund.

Henke: Ja, aber vielleicht ist der Standort zu klein oder wird durch Dortmund und Schalke ein bisschen erdrückt.

RUB Alumni: Sie gehörten der Universitäts-Fußballmannschaft an, die 1979 zum ersten Mal den Europameister-Titel nach Bochum holte. Ihr damaliger Trainer Peter Lange ist nach 30 Jahren heute immer noch Trainer der RUB-Mannschaft. Haben sie noch Kontakt zu den Leuten aus der damaligen Mannschaft oder zu Herrn Lange?

Henke: Zu Herrn Lange habe ich ständigen Kontakt. Wenn wir im Westen spielen, stehen wir in telefonischem Kontakt und dann kommt er schon mal im Hotel vorbei und wir trinken zusammen einen Kaffee. Ich habe ihm auch schon mal Karten für Spiele besorgt, zu denen er mit seiner Tochter hinwollte, die Bayern-Fan durch und durch ist. Zu damaligen Spielern habe ich mittlerweile weniger Kontakt. Wir haben jahrelang immer im Sommer an den Sportanlagen der RUB ein Treffen gemacht, bei dem die aktuelle Uni-Mannschaft eine Fete mit Grillen organisierte. Und dann gab es auch ein Spiel „Alt gegen Jung“. Da kamen dann die alten Kämpen zusammen. Das war über Jahre lang super. Aber durch meine Termine habe ich es jetzt zwei- oder dreimal nicht geschafft, daran teil zu nehmen, obwohl mir das eigentlich immer sehr wichtig war. Das war eigentlich immer ganz nett, weil man die alten Kollegen wieder getroffen hat und sich austauschen konnte. Einige sind Lehrer geworden, andere haben ganz andere Bereiche angesteuert.

RUB Alumni: Sie haben Sport und Geographie auf Lehramt studiert?

Henke: Richtig, ich wollte immer irgendetwas mit Sport machen, dabei aber nicht unbedingt Sport auf Diplom studieren, weil es damals schon nicht so gute Jobaussichten gab. Dann habe ich mir überlegt, welches zweite Fach ich nehmen kann und bin dann ehrlich gesagt aus der Not bei Geographie gelandet. Ich bin über das Losverfahren in Bochum gelandet, obwohl ich eigentlich nach Aachen wollte. Damals spielte ich noch in Ostwestfalen Fußball. Nach Paderborn wollte ich nicht, weil mir das zu nahe war. Aber in Freiburg wollte ich auch nicht unbedingt studieren. Ich wollte die Chance haben, am Wochenende zu meinem Verein, damals Teutonia Lippstadt, zu kommen. Nach Münster, einer reinen Studentenstadt, wollte ich eigentlich auch nicht. Dann bin ich in Bochum gelandet, womit ich zunächst nicht so viel anfangen konnte, was ich aber überhaupt nicht bereut habe, denn ich habe eigentlich fast ausschließlich positive Erfahrungen gemacht. Nach meinem Studium habe ich dann drei Semester lang Peter Lange als Dozent abgelöst. Das war natürlich eine interessante Zeit.

RUB Alumni: Sie haben schon ein wenig darüber erzählt, was Sie noch mit der RUB verbinden. Viele Ehemalige sprechen davon, dass sie eine tolle Zeit hatten, auch weil die Fakultäten auf dem Campus nahe beieinander liegen. So konnte man auch viele Leute kenne lernen.

Henke: Damals hieß es ja, die RUB sei eine Selbstmord-Uni und dass sich alle von den grauen Gebäuden runterstürzten. Ich habe auch bewusst in einem Studentenwohnheim zusammen mit einem Kumpel aus Büren gewohnt. Allerdings war es das Studentenwohnheim des Bergbau-Museums, gegenüber der Bergbaugesellschaft an der Herner Strasse. Dadurch war ich dann nach der Uni direkt in der Stadt. Ich habe dann zwar schon mal Freunde besucht, die im Uni-Center an der Hustadt wohnten, aber dann habe ich immer gesagt: Das brauch ich nicht unbedingt, dass ich jetzt aus der Uni über die Uni-Brücke gehe, in mein Zimmer rein, und dann aus meinem Fenster wieder auf die Gebäude der Uni draufgucke. Das habe ich damals bewusst nicht gemacht. Dadurch habe ich auch die Stadt Bochum und ihr Umfeld kennen gelernt, was mir sehr wichtig war. Am Wochenende bin ich eigentlich immer nach Hause gefahren, hauptsächlich allerdings wegen des Sports.

RUB Alumni: Würden Sie heute noch einmal studieren und für welches Fach würden Sie sich entscheiden?

Henke: Ich würde auf jeden Fall wieder studieren. Viele sagen ja, dass ihre Schulzeit schön war. Aber für mich war das ein Graus bis zum Abitur. Ich war auch ein sehr grenzwertiger Schüler. An der Uni habe ich dann mehr Freiheiten gehabt, konnte es mir selbst einrichten und mir meinen Weg selber suchen. Das habe ich sehr geschätzt. Man war nicht unter der ständigen Beobachtung eines Lehrers, der dir genau sagte, was du machen musst. Deshalb habe ich die Studentenzeit genossen. Was ich heute studieren würde, dass ist schwer zu sagen. Eigentlich auch wieder irgendetwas mit Sport. Ich stehe auch dazu, dass ich gerne Lehrer geworden wäre. Ich bin in diese Fußball-Schiene auch ein wenig gezwungen worden, weil ich noch zu den geburtenstarken Jahrgängen gehöre und nach meiner Referendariatszeit keine Lehrerstelle bekommen habe. Wenn ich damals einen Lehrerjob bekommen hätte, wäre ich heute vielleicht Lehrer. Ich denke mal, parallel dazu auch Fußball-Trainer. Aber nicht in diesem hohen Leistungsbereich, sondern eher in der Amateur-Liga.

RUB Alumni: Wo haben Sie Ihr Referendariat gemacht?

Henke: Das habe ich dann in Bielefeld gemacht. Mein Vertrag als Fußball-Profi in Wattenscheid lief aus und dann war ich hin und her gerissen. Ich bin dann nach Ostwestfalen zurückgegangen und habe wieder in Paderborn bei meinem alten Verein Fußball gespielt. Parallel dazu habe ich in Bielefeld mein Referendariat gemacht.

RUB Alumni: Sie sind also nicht sofort nach dem Studium beim Fußball geblieben?

Henke: Nein, nach dem zweiten Staatsexamen wäre ich erstmal arbeitslos gewesen und hätte ad hoc keine Job gekriegt. Einige Leute aus dieser Zeit sind in Jobs reingerutscht oder haben noch schnell ein drittes Fach studiert. Nach dem zweiten Staatsexamen bin ich ein halbes Jahr lang nach Köln gegangen, habe dort meine Fußballlehrer-Lizenz gemacht und bin dann in Gütersloh Trainer geworden. Anschließend bin ich als Co-Trainer in Dortmund gelandet. Das war mein Start im Profibereich.

RUB Alumni: Wie haben Sie denn Ottmar Hitzfeld kennen gelernt?

Henke: Der kam nach Dortmund und brachte damals keinen eigenen Co-Trainer mit. Der Verein hat ihm meine Person als Co-Trainer quasi ans Herz gelegt und er hatte damit kein Problem. So haben wir uns dann kennen gelernt und von diesem Zeitpunkt an zusammen gearbeitet.

RUB Alumni: Haben sie denn schon Pläne für die Zukunft? Vielleicht werden Sie doch noch einmal Lehrer?

Henke: Kann ich mir nicht vorstellen, dass die Schulen noch was mit mir anfangen können. Dafür bin ich schon zu lange raus. Ich denke schon, dass ich irgendwie im Fußball bleibe. Mit Sicherheit bleibe ich nicht beim FC Bayern München, mit Sicherheit gehe ich nicht mit Ottmar Hitzfeld in die Schweiz. Ich möchte gerne auch noch mal selber was machen, aber ob das dann unbedingt Chef-Trainer ist, weiß ich nicht. Das kann auch wieder ein Co-Trainer Job in einer anderen Konstellation bei einem großen Club sein, weil da ja auch die Tendenz zu Trainer-Teams geht. Gut, vielleicht auch ein bisschen mehr im Bereich Sportlicher Leiter oder so etwas.

RUB Alumni: Aber es wäre auch schön, wenn Sie zurück ins Ruhrgebiet kämen.

Henke: Da hätte ich auch grundsätzlich kein Problem mit. Wie gesagt, dass halte ich fußballerisch nach wie vor für interessant. Ich habe natürlich noch Kontakte nach Dortmund. Aber grundsätzlich würde ich auf jeden Fall dort leben. Als Ottmar Hitzfeld damals aus der schönen Schweiz am Zürichsee ins Ruhrgebiet kam, wurde er dafür von allen bedauert. Aber er wohnte in Herdecke und wenn man bei ihm auf der Terrasse stand, dann sah man auf Hügel und ins Grüne. Er sagte nach kurzer Zeit, dass auch ihm die Mentalität im Ruhrgebiet sehr gut gefallen würde. Die wäre ihm in der Schweiz ein bisschen überkandidelt. Und eben die Gradlinigkeit der Leute würde ihm gefallen und vom Fußball her wäre es sowieso eine eigene Größe. Das Stadion in Dortmund ist halt fantastisch.

RUB Alumni: Gibt es etwas, dass Sie den heutigen Studierenden mit auf den Weg geben würden?

Henke: Grundsätzlich, etwas zu studieren, was Spaß macht. Wobei man sicherlich nicht so naiv sein kann, irgendetwas zu machen, mit dem man später überhaupt keine Chance hat, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Aber auf jeden Fall irgendetwas machen, was auch der eigenen Neigung entspricht und nicht etwas, von dem man sagt: „Eigentlich macht mir das gar keinen Spaß, aber ich mach das jetzt, weil ich später gute Jobaussichten habe.“ Dann wird das Studium auch zu keinem fairen Erlebnis. Meine Tochter macht gerade das Abitur und mein Sohn hat in einem Jahr Abitur. Und da stellt sich diese Frage auch. Aber wie gesagt, die werde ich nicht so groß beraten, außer sie fragen mich.

RUB Alumni: Vielen Dank für das Gespräch.