RUB » Alumni » Im Gespräch » Wissenschaft » Familie Haun

2005

Familie Haun

Familiengeschichte an der RUB

Die Bochumer Uni kennen sie wie ihre Westentasche: Sigwart und Helene Haun begleiteten die Uni vom ersten Stein bis zur Pensionierung. Für Sohn Jens Haun war die RUB das zweite zu Hause. Auf den großen Fluren lernte er sogar das Fahrrad fahren. Dabei teilen alle drei eine gemeinsame Leidenschaft: die Physik. RUB Alumni sprach mit der Physiker-Familie, die eine besondere Verbindung zur RUB hat.

Da lagen also eine ganze Reihe von Jahren davor, als wir schon von der Uni Bochum gelebt haben, aber nicht vor Ort sein konnten, weil alles noch wüst war.

RUB Alumni: Wann sind Sie nach Bochum gekommen?

Sigwart Haun (SH): Meine Frau und ich sind 1968 von Marburg nach Bochum gekommen. Hier haben wir unseren ersten gemeinsamen Hausstand gegründet und drei Jahre später ist unser Sohn Jens geboren. Wir gehören zu den ersten, die hier an der Uni beschäftigt waren. Ab Oktober ´63 lief mein erster Dienstvertrag mit der Ruhr-Uni Bochum. Da hat hier natürlich noch kein Stein auf dem anderen gestanden. Zunächst wurden die I-Gebäude fertig. Wir Physiker haben darin erst mal eine Etage bekommen und sind alle drei Wochen von Marburg hier her gekommen, um mitzuhelfen bei Baugesprächen und so weiter.

Bis die Hochbauten der N-Reihe fertig waren, der Sitz der Naturwissenschaftler, hat sich das noch bis ´68 hingezogen. Im Wintersemester ´68/´69 ist der Lehrbetrieb für die Physik aufgenommen worden. Da lagen also eine ganze Reihe von Jahren davor, als wir schon von der Uni Bochum gelebt haben, aber nicht vor Ort sein konnten, weil alles noch wüst war.

RUB Alumni: Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, an die RUB und ins Ruhrgebiet zu wechseln?

SH: Mein unmittelbarer Chef in Marburg hat als einer der ersten Professoren einen Ruf nach Bochum bekommen. Daraufhin wurden alle seine Assistenten gefragt, wer bereit war mitzugehen. Ohne genauer zu wissen, auf was man sich da einließ, haben wir zugesagt. Irgendwelche Charakteristika von Bochum kannte damals ja niemand, und es lockten freie Assistentenstellen. Das war also eine ziemlich einfache und schnelle Entscheidung. Damals sagten wir uns: „Es werden zwar ein paar Jahre für die Aufbauarbeiten verloren gehen, aber es ist auch eine Chance, mal raus zukommen.“

RUB Alumni: Und Frau Haun, wie sind Sie hierher gekommen?

Helene Haun (HH): Wir haben uns während der Studienzeit in Marburg kennen gelernt. Ich war Studentin im Praktikum und mein Mann war Assistent und Betreuer meiner Examensarbeit. Da wir zusammen bleiben wollten, war es also notwendig mitzugehen. 1968 haben wir geheiratet. Das war interessant, Sie kennen doch noch von früher den Satz „Wir müssen heiraten“. Nur diesmal kam der nicht von der Frau. Eines Tages kam er zu mir und sagte „Wir müssen heiraten“ ...

SH: Ja, wir bekamen nämlich nur eine Wohnung gegen Vorlage eines Trauscheins. So kam es dann, dass wir heiraten „mussten“.

HH: Und dann ergab sich der glückliche Zufall, dass an der Hildegardis-Schule Bedarf an meinen Fächern, Physik und Mathematik, war. So hat einer der Lehrkräfte hier in den jungen Gängen der Ruhr-Uni gefragt, „Kennt nicht einer jemanden, der Physik unterrichten könnte?“. Mein Mann hat das gleich bejaht und auf diese Weise bin ich hierher gekommen.

„Kannze ma seh´n“

RUB Alumni: Wie würden Sie Ihre Zeit an der RUB beschreiben?

SH: Uns war hier ja alles neu, die Menschen, die Lebensgewohnheiten und die Sprache. Die Ruhrgebietssprache ist so ein Fall für sich und manche Redensart ist in den eigenen Wortschatz übergegangen. So auch das berühmte: „Kannze ma seh´n“. Wenn ich das auf die Ruhr-Universität anwende, schwingt da Hochachtung und Stolz mit. Hochachtung vor allen Dingen vor der Aufbauleistung damals - was die hier in so kurzer Zeit organisatorisch und praktisch geleistet haben. Meine Güte! „Kannze ma seh´n!“, was alles möglich ist!

Jens Haun (JH): Das Ruhrgebiet selbst hat eine ganz eigentümliche Ausstrahlung, auch auf Leute, die damit nicht klassisch zu tun gehabt haben wie wir, und trotzdem fühle ich mich hier extrem zu Hause. Privat mache ich z. B. viel Industriephotographie und diesen kulturellen Wandel hier zu begleiten, das fasziniert unheimlich viele Leute.

HH: Stimmt, diese Faszination ist da, und wenn jetzt irgendwo dieses alte Bergmannslied angestimmt wird, dann stehe ich auch innerlich stramm. Dazu hat auch die Uni beigetragen. Vor einiger Zeit gab es z.B. ein bundesweites Projekt, das Sinusprojekt. Dabei bin ich auch in ganz Deutschland rumgekommen, und außerhalb Bochums und NRWs hatte ich immer das Gefühl „ich vertrete NRW“.

Die Verantwortlichen des Geschoss-Systems

RUB Alumni: Wie hat man sich das denn vorzustellen, wenn Sie von Baubeginn an dabei waren?

SH: Am Anfang gab´s natürlich viele Besprechungen mit den Bauleuten. Da wurden die Pläne auf den Tisch gelegt und wir wurden gefragt, ob uns das so gefällt und was wir gebrauchen könnten. In meinem Falle handelte es sich um die Experimentalphysik. Mit all ihren großen, schweren Maschinen, Installationen und Laboren ging es dann um die Raumgröße, Belastbarkeit der Decken und so weiter. Das war eine ganze Menge, was man da planen musste, und wir brachten unsere Erfahrungen aus dem Marburger Institut mit.
Daher erübrigt sich auch die Frage, wie lange wir gebraucht haben, das Geschoss-System zu durchschauen - wir sind mit verantwortlich dafür. Viel später erst habe ich gemerkt, dass viele, die hier rumgeirrt sind, das Geschoss-System nicht kannten. Unsere Idee war, dass man den Geschossen verschiedene Farben gegeben hat. Als die uns das damals vorgelegt haben, haben wir gesagt: „Ja, gut - aber wenn das alles so gleich aussieht, wie soll denn das arme Schwein, das da rein kommt wissen, in welchem Geschoss es ist? Macht doch zumindest verschiedene Farben!“

Sigwart Haun im Labor
Die RUB im Bau

Während wir noch in dem I-Gebäude untergebracht waren, konnten wir vom Fenster aus sehen, wie unten in der so genannten Feldfabrik die Decken gegossen wurden – das war ein Erlebnis! Das war ein großer Raum, wo diese großen, schweren Deckenplatten gegossen wurden, die wurden für ein paar Tage zum Trocknen zur Seite gelegt, dann wurden sie an Ort und Stelle gefahren, von oben eingehängt und fertig war das Geschoss. Das ging rasend schnell und für heutige Verhältnisse war das ein herrliches Arbeiten! Zum einen eine gute Zusammenarbeit zwischen den Nutzern und den Planern und zum anderen war genug Geld da.

Ab ´65/´66 sind meine Assistentenkollegen und ich dann regelmäßig aus Marburg hier her gefahren, eine Woche Bochum von Montag bis Donnerstag und dann wieder zwei Wochen Marburg. Und so weiter …

HH: … und das über die Dörfer! Die A45 gab es ja noch nicht.

SH: Ja, das war eine Schinderei. Da war man sechs bis sieben Stunden unterwegs. Außerdem waren wir zwar examinierte Leute, aber der Bezahlung nach waren wir noch Studenten. Im Wintersemester ´68/´69 ging dann für uns der reguläre Lehrbetrieb los, und die Pendelei hatte ein Ende.
Was allerdings dieser Umbruch, der ja eben auch die Universität her gebracht hat, für die Leute hier bedeutet hat, da geht man leicht drüber hinweg. Wir haben ja viele Leute für den technischen Bereich aus dem Bergbau übernommen. Leute, die zum Teil unter Tage gearbeitet hatten und nach einer Umschulung glücklich waren, dann bei der Uni eine Stelle zu kriegen. Aber denen war der Universitätsbetrieb natürlich fremd. Da ist bei den Alteingesessenen im Laufe der Zeit ein gewisses Unbehagen entstanden, und eines Tages sind dann einige zu uns gekommen und haben uns, etwas verschämt, eine fast kindlich ehrliche Bitte vorgetragen: wir sollten ihnen erklären, was hier denn eigentlich produziert wird und was wir denn eigentlich machten. Da haben ein paar Professoren schöne Vorträge gehalten, um ihnen das nahe zu bringen. Viel deutlicher wurde es dann natürlich später, als der Unterricht begann.

Leben für die RUB

SH: „Man muss die Bauleute hinauswohnen“ haben wir gesagt. Man darf nicht warten bis sie fertig sind, sondern man muss kommen, wenn die anfangen, so langsam fertig zu werden. Dann wurden nach und nach die Professoren berufen. Ein paar Jahre später hat man eine Art Geschäftsführer gebraucht, der die Zusammenarbeit von 6 Lehrstühlen organisiert, der dafür sorgt, dass jeder das hat, was er braucht und der auch die Professoren zusammenführt, wenn sie mit einer Stimme sprechen müssen. Das wurde dann der mit der meisten Institutserfahrung und das war ich. So habe ich 1974 den wissenschaftlichen Betrieb mehr oder weniger an den Nagel gehängt und übernahm die Institutsverwaltung. Das hat mich die letzten 24 Jahre meines Berufslebens ausgefüllt. 1998 wurde ich dann pensioniert. Es ist mir schwer gefallen weg zu gehen. Wenn man nicht unbedingt mit 65 hätte gehen müssen, wäre ich mit Sicherheit noch geblieben. Aber man muss ja doch eines Tages die Arbeit abgeben. Der Nachfolger freut sich darauf und hat auch neue Gedanken in petto.

RUB Alumni: Ist Ihnen in der ganzen Zeit nicht mal die „Decke auf den Kopf“ gefallen?

SH: Nein. Solcherlei Gefühle, wie manche sie erzählen, dass ihnen der Beton auf den Kopf falle, dass sie die grauen Wände nicht mehr sehen können - die haben wir nie gehabt. Wie die Architekten uns damals diese Betonwände im Gebäude NB hingestellt haben, da haben wir natürlich auch erstmal die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Da hieß es: „Nein, nein! Das ist so gewollt. Das ist die urtümliche Kraft des Materials - wie ein Kunstwerk.“ Man sah sogar noch die Fugen. Aber das war volle Absicht. Bei der Innenausstattung unterschieden sich die Gebäude der Uni. Das soll daran gelegen haben, dass für die Innenausstattung verschiedene Architekten zuständig waren. Und derjenige, der unser Haus gebaut hat, hat angeblich auch in seinem privaten Haus die rohen Betonwände im Innern gelassen. Die Enttäuschung über den Beton kam erst rund 20 Jahre später. Da wurde dann die Betonsanierung vorgenommen. Das war doch erst sehr überraschend. Ein solcher Stein, so robust, und der zerfiel von innen heraus. Später kam die Asbestsanierung dazu, die den Beton wieder verdrängt hat. Da hat man zugesehen, die Gebäude zu erhalten oder sogar zu retten, wie man schon sagen muss. Aber uns ist hier nie irgendwas unpersönlich oder erschlagend oder tot vorgekommen, wie man sonst öfter mal hörte. Das Gefühl haben meine Frau und ich nie kennen gelernt.

RUB Alumni: Und wie haben Sie als Sohn die RUB betrachtet?

JH: Ich bin hier quasi aufgewachsen. Als ich circa drei oder vier Jahre alt war, hat mein Vater mich zum Beispiel mit ins DTL (Dynamitron-Tandem-Laboratorium, Teilchenbeschleuniger - Anm. d. Red.) genommen oder hat Lochkarten gestanzt und ich habe neben der Lochkartenmaschine gesessen. Ich erinnere mich noch, wie ich unter dem großen Drucker im DTL stehen konnte und wie ich Magnetbänder hin und her geschleppt habe. Außerdem hab ich im NB Gebäude das Fahrrad fahren gelernt. Auf der Ebene 02 war damals noch eine relativ große Fläche, dort haben wir auch zum ersten Mal die Stützräder abgenommen.

RUB Alumni: Und wie war Ihr Kontakt zur RUB, Frau Haun?

HH: Ich war ab 1980 vier Jahre lang am Lehrstuhl für Fachdidaktik der Physik tätig. Mit halber Stelle blieb ich dabei an meiner Schule, mit halber Stelle war ich in den Hochschuldienst abgeordnet. Diese Verbindung von Unterrichtspraxis und –lehre (die Erforschung von Unterrichtsvoraussetzungen, die Entwicklung neuer Unterrichtsformen – der Computer zog damals in die Schulen ein) war eine gute Sache. Später hatte ich immer wieder selbständige Lehraufträge für „Schulpraktische Übungen“ der zukünftigen Physiklehrerinnen und –lehrer. Hierüber ergab sich irgendwann der Kontakt zum Thekla-Mentoring-Programm der RUB, zu Absolventinnen der Natur- und Ingenieurwissenschaften. Die haben inzwischen die Juniorgruppe BoNetzMentoring des Deutschen Akademikerinnenbundes DAB gegründet, dem ich auch angehöre. So bleibt die Verbindung zur RUB lebendig.

Physik im Blut

RUB Alumni: Und wie sind Sie schlussendlich dabei gelandet, wie Ihre Eltern, auch in die Physik zu gehen?

JH: Naja, da könnte man jetzt natürlich sagen, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Ich hätte zumindest die Freiheit gehabt, alles zu studieren, was ich gerne wollte. Es war mir aber schon von der Schulzeit an klar, dass ich irgendwas in Richtung Naturwissenschaften machen wollte. Und Physik war einfach das Fach, was mir am meisten Spaß gemacht hat. Da kann man natürlich meinen, dass das davon abhängig ist, wo man aufgewachsen ist – zwei Physiker als Eltern, da wächst man etwas rein. Wenn meine Eltern Chemiker gewesen wären, wäre es vielleicht die Chemie geworden. Aber gut, es war eben das, was ich machen wollte.

Sigwart Haun im Labor
Sigwart Haun am Arbeitsplatz

SH: Mein Vater z.B. war Chemiker. Er hat mich zwar auch nicht dazu gedrängt, aber ich glaube er hätte es gerne gesehen, wenn ich den gleichen Weg eingeschlagen hätte. Er hat immer geglaubt, irgendwann gerate ich an eine Hochspannung oder so was, und umgekehrt habe ich gedacht, in der Chemie explodiert mir irgendwann was und damit war das für mich gefährlicher. Ich hatte den Eindruck, dass man in der Chemie viel mehr auswendig wissen muss. In der Physik hingegen bedarf es einiger wesentlicher Grundlinien und ein paar Begriffe, den Rest kann man sich selbst herleiten.

Man braucht nicht alle Formeln auswendig zu wissen - wenn man die Grundlage hat, kann man sich hinsetzen, braucht vielleicht ´ne Stunde länger, kann es aber ausrechnen. In der Chemie muss man das alles im Kopf haben. Da wollte ich lieber den systematischeren Weg einschlagen. Das ist dann natürlich unbewusst in die ganze Atmosphäre unserer Familie eingeflossen.

JH: Ja, das ist ein Punkt, der mir auch wichtig ist. Meine alten Manuskripte für meine mündlichen Diplomprüfungen oder für meine Promotion sind relativ dünne Stapel von vielleicht 40 Seiten. Die Leute anderer Fachrichtungen hingegen, zum Beispiel aus der Chemie, haben in den letzten Wochen vor einer entscheidenden Prüfung teilweise Wände voll mit Lernstoff gehabt. Das ist etwas, was mich immer an der Physik fasziniert hat, dass man eigentlich alles auf vier oder fünf Grundzusammenhänge führen kann und den Rest leitet man sich her. Das Wesentliche dabei ist gewissermaßen, den Grund der Dinge zu suchen. Das ist so eine Philosophie, die in der Chemie oder Biologie nicht ganz so ausgeprägt ist oder in eine andere Richtung geht. Also, ich weiß nicht, ob man sagen kann, dass es einem im Blut liegt - aber es macht zumindest Spaß.

RUB Alumni: Und warum dann auch unbedingt die RUB?

JH: Das hat sich so ergeben. Ich war einfach „ideal aufgestellt“. Wir wohnten in der Hustadt, alles was hier an Studentenwohnheim existiert, ist nicht näher dran. Der Drang war nie so groß, unbedingt ausziehen zu wollen und wenn ich in eine andere Stadt gegangen wäre, hätte ich mir ja erstmal was suchen und neu aufbauen müssen. Das war ja alles hier. Naja, dann habe ich aber auch hier an der Uni recht gute Kontakte gefunden und weder nach dem Vordiplom noch nach dem Diplom kam der Wunsch auf, zu wechseln. Ich hatte hier meine Clique, kannte die Leute und was ich gerne machen wollte, wurde hier auch ganz gut angeboten. Ich hab´s auch nicht bereut.

RUB Alumni: Was hat diese ähnliche wissenschaftliche Orientierung aller drei für Sie bedeutet?

HH: Man hat sich gegenseitig verstanden und respektiert. Jeder die Arbeit des anderen. Das ist natürlich eine Menge wert.

RUB Alumni: Und welche Richtung haben Sie dann berufsmäßig eingeschlagen?

JH: Nach der Physik habe ich mich dazu entschieden, in die Wirtschaft zu gehen und arbeite jetzt bei einem amerikanischern Automobilzulieferer. Dort bin ich jetzt für die Entwicklung von Airbagsteuergeräten verantwortlich. Das ist eigentlich ein Beruf, der zwischen Ingenieursstelle und kleinerem Management liegt. Wir haben ein kleines Team und da bin ich als Teamleader für die europäischen Automobilhersteller verantwortlich. Wenn z.B. ein neues Modell herausgebracht wird, dann sind wir diejenigen, die ein Angebot für das Sicherheitssystem machen und sich um die Entwicklung kümmern. Wir entwickeln die Elektronik, die Algorithmen und die Sensoren, um Crashs zu detektieren und die Airbags auszulösen. Wir geben sozusagen den elektrischen Zündfunken, damit ein Airbag sich aufblasen kann und analysieren die Crashtests.

RUB Alumni: Gibt es etwas, das Sie aus Ihrer Studienzeit vermissen?

JH: Naja, das Leben in der Wirtschaft ist natürlich oberflächlich. Wir nennen das immer „Power-Point-Engineering“. Wir können wunderbar eine Power Point-Präsentation zusammen tackern. Man muss sehr viele Informationen in sehr kurzer Zeit verarbeiten, hat für alles seine Spezialisten, kann aber selbst nicht mehr in die Tiefe greifen und das fehlt mir manchmal. Man kann nicht alles haben. Aber das vermisse ich aus der Studienzeit ganz deutlich.

Physikalische Nager

RUB Alumni: Gibt es außerdem noch irgendwelche Anekdoten zur RUB, die Sie erzählen möchten?

JH: Eine Anekdote, die mir während meiner Zeit hier passiert ist: Wir nutzen, um das Licht zu beobachten, verschiedene Spektrographen. Wir arbeiteten dann an einem Spektrographen, der einige Zeit ungenutzt war und konnten kein vernünftiges Bild erkennen. Wir suchten ewig nach dem Fehler und irgendwann beschlossen wir, das Dingen aufzumachen. Normalerweise macht man das nicht, weil da hochsensible optische Elemente und Spiegel drin sind. Da haben wir dann aber gesehen, dass da seit einiger Zeit sehr ausgiebig eine Maus drin gelebt hatte. Worst-Case-Szenario - die Spiegel waren natürlich wunderbar verschmiert. Es hat dann einige Tage gedauert, bis wir das alles wieder sauber hatten.

RUB Alumni: Besitzen Sie noch irgendwelche Gegenstände aus Ihrer Studienzeit?

JH: Ja. Ich habe einen, den ich nach wie vor fast täglich benutze - ein uralter Taschenrechner. Der liegt bei mir im Schreibtisch, obwohl ich natürlich einen PC habe und genug andere Taschenrechner, aber der ist mir ans Herz gewachsen.

SH: Das ist ja schon hochmodern. Bei uns arbeitete man noch mit Rechenschiebern, und dann gab es auf einmal ein Ding, auf dem man nur irgendwelche Tasten drücken musste. Die ersten Taschenrechner, die wir anschafften, waren etwas größer und etwas plumper – aber das eigentlich Erstaunliche war der Preis: 350 DM!

HH: Und das war einer, der nur die vier Grundrechenarten und Prozentrechnung konnte, sonst nichts. Ich besitze weniger einen Gegenstand - ich habe hier, bei der Fachdidaktik der Physik, meine Computerkenntnisse erworben. Heute arbeite ich noch täglich am Computer und bin darüber auch zu den RUB Alumni gekommen.

SH: Ich habe noch zwei Museumsstücke bei mir liegen: Dectapes. Weiß heute kein Mensch mehr was das ist. Dec ist der Name einer Firma, einer frühen Computerfirma: „Digitalequipment“. Von dieser Firma stammte der erste größere Rechner unten im DTL. Er hatte 4 oder 6 Laufwerke für spezielle Magnetbänder, die Dectapes. Der Rechner „nudelte“ solch ein Band automatisch hin und her, um Daten und Programme abzuspeichern oder wieder zu lesen. Heute geht das so schnell, das merkt man gar nicht mehr - damals wurde alles auf diese Bänder geschrieben.

RUB Alumni: Was würden Sie studieren, wenn Sie sich noch mal entscheiden könnten? Würden Sie dann in Bochum studieren?

HH: Die Fächerwahl würde bei mir wieder ähnlich aussehen. An einen Studienort bin ich nicht gebunden. Allerdings halte ich die RUB für die beste neue Uni. Ich bin viel herumgekommen und bin überzeugt von der Kompetenz, der Vielfalt und der Reformfreudigkeit der Uni. Die schnelle Umsetzung des Bologna-Prozesses zum Beispiel. Die Ruhr-Universität hat eben einen guten Ruf.

SH/JH: Dem können wir uns nur anschließen.

RUB Alumni: Was würden Sie den heutigen Studierenden/den Menschen heute an der RUB mit auf den Weg geben?

SH: In einer Universität arbeiten sehr verschiedene Leute nach jahrhundertealter Arbeitsteilung zusammen: Professoren, Studenten, Handwerker und Techniker, Verwaltungsleute. Eine enge Verzahnung von Forschung und Lehre, dazu die Verbindung aller Geistesrichtungen kennzeichnen die Universität gegenüber anderen Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Man darf stolz und dankbar sein, in dieser Gemeinschaft eine Zeit lang mitwirken zu können; aber Bescheidenheit und Achtung vor den Beiträgen anderer „Teamkollegen“ gehören dazu.

JH: Bei der Planung des Studiums immer daran denken, dass man später im Berufsleben u. U. etwas anderes machen wird als im Studium. Daher macht es Sinn, im Studium den Blickwinkel auch mal nach „links und rechts“ zu richten.

HH: Nutzt die vielen Angebote, die an der RUB zusätzlich zum Fachstudium vorhanden sind!

RUB Alumni: Vielen Dank für das Gespräch.