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2004

Frank Goosen

Kabarettist und Autor

Frank Goosen studierte von 1986 bis 1992 an der RUB Geschichte, Germanistik und Politik und schloss sein Studium 1992 mit dem Magister ab. Von 1992 bis 2000 absolvierte er (zusammen mit Jochen Malmsheimer) unter dem Namen "Tresenlesen" fast eintausend Auftritte. Seitdem ist er auf kabarettistischen Solopfaden unterwegs und veröffentlichte 2001 seinen Debütroman "Liegen lernen", der 2003 in die Kinos kam. Ebenfalls 2003 erschien sein zweiter Roman "Pokorny lacht". 2004 veröffentlichte Frank Goosen eine Sammlung von Kurzgeschichten und Kolumnen unter dem Titel "Mein Ich und sein Leben". Daneben verfasste er Kurzgeschichten und Artikel für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften (u.a. FAZ, Die Welt, taz) und ist Preisträger des "Literaturpreis Ruhrgebiet".

Ich habe mich auch komischerweise gerne an der Uni aufgehalten, obwohl ja immer gesagt wird, die Bochumer Uni sei besonders hässlich.

RUB Alumni: Warum haben Sie damals Bochum als Studienort gewählt? Gab es auch Überlegungen, nicht in Bochum zu studieren?

Goosen: Zunächst mal nicht, da ich gebürtiger Bochumer bin und aus Gründen der Bequemlichkeit und da ich der Scholle hier sehr verhaftet bin, auf jeden Fall hier auch studieren wollte. Ich habe nach dem Grundstudium zwar mit dem Gedanken gespielt, den Studienort zu wechseln, habe dann aber, salopp gesagt, den „Arsch nicht hochgekriegt“. Ich habe nicht die Energie gehabt, alles was ich dafür zu organisieren gehabt hätte, zu erledigen. Ich habe ja sämtliche Energie in mein Studium gesteckt.

RUB Alumni: Wenn Sie so an ihr energiegeladenes Studium zurückdenken, fällt Ihnen da eine nette Geschichte ein, an die Sie gerne zurückdenken?

Goosen: Ich denke an das ganze Studium sehr gerne zurück. Ich habe sehr gerne studiert. Ich habe mich von einem faulen Schüler zu einem fleißigen Studenten entwickelt. Ich habe mich auch komischerweise gerne an der Uni aufgehalten, obwohl ja immer gesagt wird, die Bochumer Uni sei besonders hässlich. Wenn man im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, dann hat man sowieso andere Vorstellungen von Schönheit und ich habe die Atmosphäre an der Uni immer sehr gemocht. Ich hatte immer ein sehr gutes Verhältnis zu den Sekretärinnen an meinem Institut. Ich habe ja als studentische Hilfskraft in der Bibliothek der Historiker gearbeitet und da war die niedrigste Aufgabe die so genannte Stellkontrolle. Bei der abschnittsweise die Regale überprüft werden, ob die Bücher in der richtigen Reihenfolge stehen - aber nicht nur das, sondern auch ausräumen, auswischen, trocken machen und wieder reinstellen. Das habe ich dann doch gehasst. Eine ganz witzige Episode während des Studiums ist auch, das habe ich auch in meinem zweiten Buch fast eins zu eins verwendet: Ich war mal Kandidat der „Radikal Demokraten“ für die Wahl zum Studentenparlament. Da war ich bei der Stimmauszählung dabei, die mich doch sehr an den Eurovision Songcontest erinnerte. Da wurden im H-GC 10 die Stimmen Gebäudeweise ausgezählt und an der Tafel waren die Ergebnisse in Diagrammen festgehalten und in jeder Stunde kam jeweils ein neues Ergebnis aus einem Gebäude und es war wirklich so „Istanbul, may we have your votes, please!“. Da war stark nach Klischee geordnet. Die linken Gruppierungen wurden immer betrunkener und mein Spitzenkandidat schrie nach jedem Gebäudeergebnis „Nichts ist unmöglich!“ und die Jungs vom RCDS saßen da wirklich mit dem obersten Hemdknopf zu und haben auf einem frühen tragbaren Computer, das war 1990, immer die Ergebnisse eingegeben und sich Kuchendiagramme anzeigen lassen. Alle entsprachen total ihrem Klischee und abseits der Aufzählung wurde dann nicht nur getrunken und geknutscht was das Zeug hielt, sondern auch erste Sondierungsgespräche, die später zu Koalitionsverhandlungen führen sollten, geführt. Im Roman „Pokorny lacht“, da ist diese Episode ziemlich genau beschrieben. Wenn es sich auch sehr überspitzt liest: es ist genau so gewesen, bis auf den Auftritt eines Komikers. Die ganze Sache ging bis morgens um vier und am Ende wurde dann skurrilerweise die Internationale geschmettert.

RUB Alumni: Wenn Sie zurückdenken, können Sie Ihr Studium in wenigen Worte zusammenfassen?

Goosen: Schlechter Kaffee! Ich finde es nach wie vor unmöglich, dass die geisteswissenschaftlichen Gebäude schwarz-gelb angemalt sind, wie Borussia Dortmund. Das Gebäude GB war zu meiner Zeit noch nicht angemalt, wenn ich also bei den Historikern in der Bibliothek saß, guckte ich immer auf das gegenüberliegende Gebäude und im November, Dezember setzten sich Schneeränder ab und ich habe immer darauf gewartet, dass die Uni mit einem Schlag in den Kemnader Stausee rutscht, weil das ja alles ein riesiger Bauskandal ist. Es regnete auch mal gerne durch zwei Stockwerke durch. Da war ein großer See auf dem Boden, obwohl noch ein Stockwerk drüber war, das fand ich damals sehr faszinierend. Skurrile Professoren gab es auch, aber in der Mehrzahl sehr interessante Veranstaltungen. Ich war speziell Überzeugungstäter in der Geschichtswissenschaft.

RUB Alumni: Haben Sie denn das Geschosssystem der Uni durchschaut?

Goosen: Oberhalb des Eingangsbereichs geht’s ja. So schwer ist es ja eigentlich gar nicht. Schwierig fand ich immer rauszukriegen „Wo ist denn in der Mitte eine Bibliothek drin und wo kann man durchgehen?“ Die Zählung der Räume fand ich schwierig! Ich hatte eigentlich mehr Probleme mein Auto im Westparkhaus wieder zu finden. Da bin ich einmal wirklich länger rumgeirrt und habe das Auto gesucht. Ich hätte ja auf dem Südparkplatz hinter den Gebäuden geparkt, aber das waren Feiertage, wenn man da mal stehen konnte.

RUB Alumni: Also waren Sie nicht so früh morgens an der Uni…

Goosen: Doch, manchmal schon. Speziell während meiner Magisterarbeit kann ich behaupten, dass ich schon um sieben morgens da war. Da hatte die Uni gerade aufgemacht. Ich hatte damals eine Doktorandenzelle außerhalb der Institutsbibliothek, die ich mir mit einem getauften Koreaner geteilt habe, der eigentlich Bom Ki Kim hieß, sich aber Josef nennen ließ. Da war ich manchmal schon recht früh da und konnte um neun die ersten von der Vorlesung abhalten, um in der Cafete zu hocken. Ich habe manchmal sehr viel Zeit in der Cafete verbracht. Allgemein habe ich Seminare mehr geschätzt als Vorlesungen. Bei Vorlesungen war ich meistens nur die ersten vier Sitzungen hingegangen, aber ich habe gerne Seminare belegt und auch mehr Scheine gemacht, als ich eigentlich brauchte. Gerade in Geschichte bei Hans Mommsen habe ich gemerkt, richtig bringen tut mir das nur was, wenn ich da auch eine Arbeit schreibe. Da bin ich mit Sicherheit auch einer der wenigen!

RUB Alumni: Wenn Sie schon so viele Scheine gesammelt haben, haben Sie denn auch noch einen Gegenstand aus Ihrer Studienzeit?

Goosen: Ich habe noch meine Arbeiten und auch meine Magisterarbeit. Meine Magisterarbeit finde ich heute immer noch ganz hübsch. Einige Arbeiten habe ich aus Versehen mal weggeworfen. Ich habe noch viele Bücher, die ich damals durch die Unterstützung meiner Großmutter kaufen konnte.

RUB Alumni: Wenn Sie heute Rektor oder Kanzler an der Uni wären, was würden Sie ändern oder besser machen?

Goosen: Da setzt man sich total ins Wespennest, wenn man das in zwei Worten sagt. Ich bin kein Fachmann für Hochschulpolitik, aber ich habe den Eindruck einiges hat sich schon verbessert, beispielsweise die Kindertagesstätte in GB. Vor allem für Studentinnen ist das eine tolle Sache. Polemisch gesagt, würde ich Jura und die Wirtschaftswissenschaften nicht zu den Geisteswissenschaften zählen, sondern eher irgendwo anders unterbringen.

RUB Alumni: Was vermissen Sie am meisten, wenn Sie an Ihre Studienzeit hier in Bochum zurückdenken?

Goosen: Tatsächlich den wissenschaftlichen Umgang mit historischen Themen. Diese Denksportaufgabe hat mir immer großen Spaß gemacht und kommt zurzeit in meinem Leben nicht so viel vor. Wenn ich mal aus reiner Neugierde einen Aufsatz von Hans Mommsen in der Süddeutschen lese, dieser Sound von Wissenschaftsprosa, der ja zu Recht teilweise verpönt ist, der fehlt mir manchmal. Ich hoffe das langfristig in meine literarische Arbeit einzubinden. Diese Form von professioneller, fachlicher Auseinandersetzung mit Leuten, mit denen man sich privat nicht unterhalten würde, die fehlt mir manchmal schon.

RUB Alumni: Verbindet Sie denn heute noch was mit der Bochumer Uni?

Goosen: Mich verbindet mit der Bochumer Uni, dass ab und an Arbeiten über mich geschrieben werden. Das finde ich durchaus spannend. Erst kürzlich hat mir eine Studentin ihre Magisterarbeit in Germanistik geschickt, in der sie untersucht hat, ob ich Pop-Literatur bin. Oder auch Seminararbeiten, bei denen die Studenten versuchen mit mir Kontakt aufzunehmen, um ein paar Fragen zu beantworten. Ich bin prinzipiell eher ein sentimentaler Typ, deshalb verbinden mich mit der Uni die guten Erinnerungen und manchmal fahre ich auch dran vorbei.

RUB Alumni: Gibt es denn zwischen Ihrer literarischen Arbeit und Ihrem Studium Zusammenhänge, neben der Tatsache, dass Sie Ihre Erlebnisse in Ihren Romanen verarbeiten?

Goosen: Für mich ist das Studium noch nicht abgeschlossen. Ich möchte nicht mehr studieren und einer von denen werden, die nach einer bürgerlichen Karriere noch mal an die Uni zurückkehren. Die sind immer so unerträglich fleißig, die haben ja auch die Zeit, weil sie nicht auf die Partys gehen müssen. Bei späteren, größeren Romanprojekten möchte ich in einem stärkeren Maße meine erworbenen Fertigkeiten einsetzen. Die eine oder andere Geschichte wird mit Sicherheit noch mal in einem Roman vorkommen. Was ich aber vor allem bei den Historikern, speziell bei Hans Mommsen gelernt habe, war strukturiertes Arbeiten. Oftmals lernt man ja als Geisteswissenschaftler Sachen, von denen man gar nicht weiß, dass man sie gelernt hat. Thesengeleitendes Arbeiten beispielsweise bei Mommsen.

RUB Alumni: Also vor allem Arbeitstechniken…

Goosen: Richtig. Und die Faszination an der Geschichtsschreibung.

RUB Alumni: Würden Sie denn heute noch mal dieselben Fächer studieren oder würden Sie aus Ihrer heutigen Sicht sagen, ich mache was völlig anderes?

Goosen: Ich würde auf jeden Fall wieder Geschichte studieren, das hat mich immer am meisten interessiert. Dafür ist mit Sicherheit auch mein damaliger Geschichtslehrer in der Oberstufe mitverantwortlich, der mich, ohne das man es gemerkt hat, auf das Arbeiten an der Uni vorbereitete. Germanistik weiß ich nicht. Politik würde auch sofort wieder machen, wenn ich wieder Gelegenheit hätte, bei Prof. Bleek zu hören und vor allem Exkursionen mit ihm zu machen.

RUB Alumni: Was war das Besondere an den Exkursionen?

Goosen: Prof. Bleek hat immer Exkursionen gemacht, die gut vorbereitet waren und auch viel gebracht haben. Da hat man mehr über Politik gelernt, als aus zwanzig Büchern. Ich habe eine Exkursion mit nach Berlin gemacht, obwohl ich überhaupt nicht in seinem Seminar war. Wir haben uns damals mit verschiedenen, ehemaligen SED-Größen getroffen, das waren ganz eindruckvolle Begegnungen und hoch spannend. Von diesen Leuten hat man Einblicke bekommen, die die selber eigentlich gar nicht gewollt haben. Prof. Bleek habe ich zu verdanken, dass ich für die WAZ schreiben konnte, für die Hochschulseite. Den Kontakt hat damals Prof. Bleek hergestellt und mich auf diese Exkursion mitgenommen, damit ich hinterher darüber schreibe. Auch an einer Exkursion nach Bonn habe ich mitgemacht, wo wir uns mit Politikern getroffen haben. Da haben wir so viel gelernt, da bin ich immer noch sehr begeistert von.

RUB Alumni: Würden Sie denn auch noch mal in Bochum studieren oder dann doch die „Energie aufwenden“, woanders zu studieren?

Goosen: Das ist eine gute Frage. Ich bin ja eine Zielscheibe dafür, dass ich Bochum nie richtig verlassen habe. Aus reinem Trotz würde ich wahrscheinlich wieder in Bochum studieren. Ich würde vielleicht weggehen, aber immer wieder kommen.

RUB Alumni: Was würden Sie den heutigen Bochumer Studierenden mit auf dem Weg geben?

Goosen: Das sie sich auf gar keinen Fall anhören sollen, was frühere Studenten zu erzählen haben! Sich keine Tipps von Ehemaligen geben lassen, das finde ich unerträglich! Es gibt nichts schlimmeres, als wenn Opa aus dem Krieg erzählt! Das sollte man nicht machen, das fand ich früher schon unerträglich. Die Geschichten wie toll das alles mal war von den Leuten, die in den 50er Jahren studiert haben, nein danke! Deshalb möchte ich niemand was mit auf dem Weg geben, das finden die alle selber raus! Außer eben das, dass man sich das, was ehemalige Studenten zu sagen haben, nicht anhören sollte!

RUB Alumni: Vielen Dank für das Gespräch.

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