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2010

Dr. Regina Görner

bis 2011 Mitglied des Vorstandes der IG Metall

Dr. Regina Görner studierte von 1968 bis 1974 Geschichte und Sozialwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Sie arbeitete als wissenschaftliche Assistentin an der RUB, schloss ihr Lehramtsstudium mit Referendariat und zweitem Staatsexamen ab und  promovierte 1984 mit einer Arbeit über spätmittelalterliche Raubritter. Anschließend wandte sie sich den Aufgabenfeldern Parteipolitik und Gewerkschaftsarbeit zu: Von 1985 bis 1989 war sie persönliche Referentin von Rita Süssmuth (damals Bundesministerin und Bundestagspräsidentin), von 1999 bis 2004 war Dr. Regina Görner selbst Ministerin für Frauen, Arbeit, Gesundheit und Soziales im Saarland. Von 2005 bis Oktober 2011war sie Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall.

Die Panik werde ich nie vergessen, wie ich versucht habe, irgendwie wieder herauszukommen aus dem Gebäude.

RUB Alumni: Frau Dr. Görner, wie war damals Ihr erster Tag an der Ruhr-Universität?

Dr. Görner: Am ersten Tag hatte ich ein Problem, mit dem wahrscheinlich alle mal zu kämpfen haben: Ich war auf der Ebene Null in ein Gebäude hineingegangen und wusste nicht, ob ich im Norden oder im Süden war. Und irgendwann stand ich meterweit über einem Abgrund! Die Panik werde ich nie vergessen, wie ich versucht habe, irgendwie wieder herauszukommen aus dem Gebäude.

RUB Alumni: Wurden Sie gerettet?

Dr. Görner: Wahrscheinlich habe ich mich selbst gerettet. Später, zu meiner Assistentenzeit, hatte ich meistens die Bürotür auf und ich hatte einen Blick dafür, wenn Leute mit gehetzt-panischem Blick über den Flur irrten. Die fragte ich sofort, „Wo willst Du hin, kann ich Dir helfen?“ Das muss ich sagen: Ich habe sehr positiv in Erinnerung, dass die Ruhr-Universität eine recht hierarchiefreie Uni war, wo man sehr viel Unterstützung gefunden hat. Man konnte immer jeden fragen.

RUB Alumni: Als Sie Ende der 1960er Jahre hier mit Ihrem Studium begannen, war der Campus noch eine Baustelle …

Dr. Görner: Oh ja! Gummistiefel mussten wir nicht mehr tragen, aber ich habe eine sehr deutliche Erinnerung an diese Baustellengitter, über die man häufig laufen musste. Die Damenschuhmode war gerade in einer Pfennigabsatz-Phase und man blieb oft damit in den Gittern stecken. Da habe ich mir den ein- oder anderen Schuh ruiniert.

RUB Alumni: Gibt es einen Ort auf dem Campus, mit dem Sie besondere Erinnerungen verbinden? – Abgesehen von Absatz ruinierenden Gittern?

Dr. Görner: Da gibt es viele. Während meiner Zeit im Mittelbau waren wir oft mit dem ganzen Lehrstuhl in der Mensa Mittagessen. Und nachher gingen wir häufig in den Botanischen Garten, daran habe ich sehr schöne Erinnerungen. Das vermisse ich richtig, solche Möglichkeiten habe ich seither nie wieder gehabt. Und natürlich habe ich auch Erinnerungen an die Cafeteria in GA, dort habe ich Doppelkopf spielen gelernt. – Das haben Sie wahrscheinlich schon hundertmal gehört (lacht).

RUB Alumni: Das mit dem Doppelkopf kenne ich eher von den Juristen in GC.

Dr. Görner: Ja, das stimmt, die GCler, Wirtschaftswissenschaftler und Juristen, waren diesbezüglich noch aktiver.

RUB Alumni: Spielen Sie heute auch noch Doppelkopf?

Dr. Görner: Ganz gelegentlich, aber mit großer Freude.

RUB Alumni: Wie verlief denn Ihr beruflicher Weg, nachdem Sie Ihr Studium und Ihre Promotion abgeschlossen hatten?

Dr. Görner: 1985 bin ich an das Bundesministerium für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit gegangen und war dort vier Jahre lang persönliche Referentin von Rita Süssmuth. Danach war ich eine kurze Zeit lang Gewerkschaftssekretärin bei der ÖTV in Hessen und anschließend bin ich geschäftsführendes Bundesvorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) geworden. Fast neun Jahre habe ich in Düsseldorf beim DGB gearbeitet, habe Lobbyarbeit für den DGB für Jugend, für Bildungsfragen und den Öffentlichen Dienst gemacht.
1999 fragte mich Peter Müller, der damals den CDU-Wahlkampf für die Landesregierung im Saarland führte, ob ich in sein Team kommen wolle. Wir gewannen die Wahl und so war ich für eine Legislaturperiode Ministerin für Frauen, Arbeit, Gesundheit und Soziales im Saarland.
2005 haben mich die Gewerkschaften zurückgeholt. Seither bin  ich geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall.

RUB Alumni: Ihr Werdegang schien ja zunächst eher in die akademische Richtung zu tendieren: Sie haben viel am Lehrstuhl gearbeitet und geforscht, promoviert usw. Und heute sind Sie bei den Gewerkschaften. War es schwierig für Sie, in dieses andere „Milieu“ zu wechseln?

Dr. Görner: Ende der 1980er Jahre war es in der Tat noch etwas ungewöhnlich für die Gewerkschaften, es mit Akademikern zu tun zu haben. Mittlerweile hat sich das natürlich stark verändert: Heute hat der größte Teil unseres Sekretär-Nachwuchses eine akademische Ausbildung, zum Teil auch diejenigen, die aus dem Betrieb kommen.

RUB Alumni: Also kamen Sie nie in Versuchung, etwa ihren Dr.-Titel zu verstecken?

Dr. Görner: Tja, da gibt es eine schöne Anekdote: Als ich damals Energieversorgungsunternehmen betreuen sollte, wurde darüber polemisiert, Frau und Dr.-Titel, das könne man ja so gar nicht gebrauchen. Dann führte ich aber eine Tarifverhandlung für diese Unternehmen, und es war sehr interessant zu beobachten, wie meine Kollegen, wenn sie sich in der Diskussion auf mich bezogen, immer sehr betont sagten, „ … und wie Frau Dr. Görner soeben gesagt hat …“. In bestimmten Zusammenhängen war der Titel dann doch erwünscht.

RUB Alumni: Sie sind heute Vorstandsmitglied der IG Metall, wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Dr. Görner: Ich vertrete die Interessen der IG Metall-Mitglieder und bin  sehr viel unterwegs. Ich mache Lobbyarbeit in Berlin, bei Landesregierungen, ich verhandele oder trete auf bei anderen Verbänden. Ein Teil meiner Aufgaben ist auch international gelagert. Daneben bin ich verantwortlich für die IG Metall Jugend, und ich muss natürlich auch bei den Kolleginnen und Kollegen in der Organisation präsent sein. Ich schreibe viel, ich halte viele Reden, ich gebe Interviews.

RUB Alumni: Das klingt alles sehr vielfältig. Würden Sie sagen, dass Ihr Studium Sie auf Ihre heutige Tätigkeit vorbereitet hat?

Dr. Görner: Besser jedenfalls, als ich mir während meines Studiums hätte träumen lassen. Damals habe ich mein Studium als „von allem ein bisschen und nichts richtig“ wahrgenommen. Im Nachhinein habe ich aber sehr viel davon in meinem Leben wieder brauchen können.

RUB Alumni: Überspitzt gefragt: Sie haben ja über Raubritter promoviert …

Dr. Görner: Ja, … (lacht)

RUB Alumni: … ist das hilfreich gewesen für die Arbeit im gewerkschaftlichen Bereich?

Dr. Görner: Diese Frage ist mir schon des Öfteren gestellt worden (lacht), sie drängt sich offensichtlich auf. – Im direkten Sinne natürlich nicht, aber letztendlich hat alles, was ich wissenschaftlich gemacht habe, mein Verständnis für Zusammenhänge, auch aktuelle, verstärkt. Meine Promotion hat mit der Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols im Spätmittelalter zu tun. Viele der damaligen Themen stellen sich heute bei internationalen Konflikten wieder. Ich habe auch verstehen gelernt, wie mühsam sich Rechtsvorstellungen verändern lassen. Das kann man alles nicht direkt übertragen, aber es schärft das Verständnis für Probleme, Entwicklung, Handlungsweisen.

RUB Alumni: Hilft Ihnen Ihr akademischer Hintergrund bei Tarifverhandlungen?

Dr. Görner: Was mir bis heute sehr hilft, ist, dass ich im Studium gelernt habe, schnell zu lesen. Ich kann riesige Papierberge in recht kurzer Zeit bewältigen. Ich kann einen Text schnell analysieren, Sachverhalte durchschauen und aufgreifen. Davon profitiere ich jeden Tag.

RUB Alumni: In meiner Wahrnehmung war es immer so, dass Akademiker für Gewerkschaften eigentlich keine Zielgruppe waren.

Dr. Görner: Ich erinnere mich auch noch an die Zeiten, in denen Gewerkschaftsfunktionäre gesagt haben, „Was sollen wir mit den White Collar-Leuten, wir organisieren die Blaumänner.“ Als ich während meines Studiums versuchte Gewerkschaftsmitglied zu werden, wurde ich noch abgelehnt, weil ich nicht erwerbstätig war. Heute würde das nicht mehr passieren, ganz im Gegenteil: als IG Metall bauen wir jetzt flächendeckend eine eigene Studierendenarbeit auf, weil wir sehen, dass die Grenzen zwischen akademischer Arbeit und Arbeit, die aus der dualen Berufsbildung kommt, sich längst aufgelöst haben. Selbst in traditionell geprägten Industriebetrieben sind Akademiker mittlerweile ganz normale Beschäftigte, die in Betriebsräten vertreten sind und sich gewerkschaftlich engagieren. In manchen Betrieben gibt es zwar immer noch Unbehagen gegenüber akademisch Qualifizierten, aber das hat sich schon sehr verändert, weil sich die Arbeitsbereiche ja auch immer stärker durchdringen.

RUB Alumni: Was sind das für Themen, die die IG Metall jetzt in Bezug auf Akademiker besetzt?

Dr. Görner: Für uns ist das Thema Ingenieure ganz wichtig. Gibt es genügend Ingenieure, sind sie richtig ausgebildet und unter welchen Bedingungen arbeiten sie? Inzwischen gibt es ja auch bei Ingenieuren eine Prekarisierung von Beschäftigungsverhältnissen, Leiharbeit in der Flugzeug- und Automobilindustrie usw. Hier gibt es einen großen Beratungsbedarf und die Ingenieurinnen und Ingenieure treten diesbezüglich auch mit Erwartungen an uns heran.

RUB Alumni: Was bedeutet Ihnen die Ruhr-Universität heute?

Dr. Görner: Für mich war die RUB ein Ort, dem ich ungeheuer viele Impulse verdanke, an dem ich Freundschaften geschlossen habe, an dem ich auch eine Zeit verlebt habe, die für meine Entwicklung sehr wichtig war. Ich konnte eine Freiheit genießen, die ich in dieser Form nie wieder hatte. Und vorher auch nicht.

RUB Alumni: Haben Sie heute noch Kontakt zu früheren Kommilitonen?

Dr. Görner: Aber ja. Meine beste Freundin habe ich im ersten Semester kennengelernt, „Einführung in die Soziologie“, glaube ich. Und ich habe ja auch noch dienstliche Bezüge zur RUB: über die Arbeitsstelle IG Metall – Ruhr-Universität Bochum, die bei mir ressortiert. Wir befassen uns dort mit Arbeitssoziologie und Weiterbildungsfragen. Daher war ich in den letzten Jahren immer wieder mal auf dem Campus.

RUB Alumni: Dann haben Sie auch die neue Mensa schon gesehen?

Dr. Görner: In der Mensa war ich auch schon mehrfach, ja. Dort habe ich mit Freude festgestellt, dass es immer noch den Joghurt mit Früchten gibt. Das war früher ein Höhepunkt am Tag, wenn man sich wieder aus sieben, acht unterschiedlichen Fruchttrögen die Lieblingssorte aussuchen konnte.

RUB Alumni: Möchten Sie heutigen Bochumer Studierenden etwas mit auf den Weg geben?

Dr. Görner: Die Studierenden sollten sich nicht ins Bockshorn jagen lassen von all den Leuten, die sagen, man müsse zielstrebig studieren und möglichst schnell fertig werden mit dem Studium. Sie sollten sich ruhig die Zeit nehmen, auch einfach mal ihren Interessen nachzugehen. Manchmal sind genau die Dinge, die nicht so zielgerichtet waren, hinterher im Berufsleben wichtiger als all das, was unmittelbar prüfungsrelevant war. Sich ein Stück Spielraum erhalten, das ist wichtig.

RUB Alumni: Vielen Dank für das Gespräch!

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