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2005

Alexandra Gerull

Freie Regisseurin

Alexandra Gerull studierte von 1991 bis 1999 Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften, Anglistik und Germanistik an der RUB. Nach ihrem Abschluss war sie als Regieassistentin und Abendspielleitung am Westfälischen Landestheater in Castrop-Rauxel und am Landestheater Detmold tätig, wo sie auch selbst inszenierte. Zurzeit arbeitet sie als freie Regisseurin an eigenen Projekten.

Oberirdisch ging es relativ schnell, aber
unterirdisch war ich sehr lange noch sehr verloren.

RUB Alumni: Welche Aufgaben hat denn eine „Abendspielleitung“?

Alexandra Gerull: Die Aufgaben der Abendspielleitung sind vergleichbar mit denen eines Trainers während des Spiels:
Man ist zum einen dafür zuständig, dass die technischen Abteilungen alle reibungslos arbeiten, also Bühnentechnik, Beleuchtung usw. Je nach Größe des Hauses wird man dabei vom Inspizienten unterstützt, der die einzelnen technischen Abteilungen koordiniert, wenn diese auf bestimmte Zeichen hin genau zusammen arbeiten müssen. An kleineren Häusern gibt es meistens diese Inspizientenposition nicht, dann macht das die Abendspielleitung alleine.
Zum anderen sorgt die Abendspielleitung dafür, dass die Qualität einer Inszenierung kontinuierlich gut bleibt, d. h. man muss darauf achten, dass die Schauspieler das einhalten, was während der Proben vereinbart wurde. Wenn es Abweichungen gegeben hat, schildert man das im Nachgespräch und klärt, was sich nicht verändern darf oder was sich in welche Richtung verändern darf. Die Abendspielleitung ist also sowohl auf der technischen Seite als auch auf der inhaltlichen Seite dafür zuständig, die Qualität der Produktion zu erhalten.
Im Landestheater kommt noch dazu, dass man da ja sehr viel unterwegs ist und fast jeden Abend an einem anderen Ort spielt, so dass die räumlichen Verhältnisse auch anders sein können. Dann nimmt die Abendspielleitung die notwendigen Anpassungen vor oder entscheidet, was geändert wird, z. B. im Bühnenbild oder an der Beleuchtung.
Es ist also eine ziemlich vielfältige und umfangreiche Aufgabe.

RUB Alumni: Sie haben Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften, Anglistik und Germanistik studiert. Welches davon war Ihr Lieblingsfach?

Alexandra Gerull: Ganz eindeutig Theaterwissenschaft. Das, was mich zu meinem Studium veranlasst hat, war von Anfang an ein sehr, sehr starkes Interesse am Theater. Ich war mir zwar recht früh sicher, dass ich nicht Schauspielerin werden wollte. Aber was es dann anderes noch sein könnte, das wusste ich halt sehr lange nicht und deswegen bin ich dann erst mal auf so einen Weg in das Studium gegangen und habe nicht versucht, irgendeine praktische Ausbildung im künstlerisch-technischen Bereich oder so zu machen.
In einer späteren Phase meines Studiums stand eine Weile lang auch die Anglistik im Vordergrund. Aber auch da beschäftigten mich dann wieder Themen, die mit dem Theater zu tun hatten, also Shakespeare oder absurdes Theater. Ich war eigentlich immer am Theater dran.

RUB Alumni: Was hat Sie dazu bewogen, aus Niedersachsen nach Bochum an die RUB zu kommen?

Alexandra Gerull: Als ich ´91 angefangen habe, gab es nicht so viele Möglichkeiten, Theaterwissenschaften zu studieren. Ich habe mir dann ein paar Unis angeguckt und mich dann für Bochum entschieden. Der Ausschlag gebende Punkt war für mich zum einen, dass Bochum ein sehr renommiertes Theater hatte. Das machte natürlich Sinn.
Zum anderen muss ich sagen, dass die Leute, mit denen ich bei meinem ersten Besuch auf dem Campus zu tun hatte, alle sehr freundlich waren und mir insgesamt das Klima in der Stadt Bochum sehr gut gefallen hat.
Außerdem fand ich, wenn man so vom Land kam, war Bochum eine überschaubare Größe. Köln war mir einfach z. B. zu groß. Da hätte ich Angst gehabt, unterzugehen in dieser Stadt.

RUB Alumni: Besitzen Sie noch irgendwelche Gegenstände aus Ihrer Studienzeit?

Alexandra Gerull: Ja, einiges. Ich hatte zum Beispiel so eine Teetasse mit einem Stövchen, die ich immer auf dem Schreibtisch hatte zum Lernen, die habe ich immer noch. Ich schreibe auch immer noch mit dem gleichen Füller.
Eine Angewohnheit aus dem Studium hat sich bis heute erhalten: Ich habe immer so ein Buch geführt, in dem ich Aufgaben notierte, die ich die Woche über zu erledigen hatte, aber eben auch Gedankensplitter zu Hausarbeiten oder Referaten oder interessante Zitate. Auch heute noch arbeite ich mit solchen Büchern, das hat sich für mich auch sehr bewährt. Ich hebe die Bücher immer auf, man kann dann sehr schön nachvollziehen, was so im Laufe der Jahre passiert ist.

RUB Alumni: Bitte fassen Sie Ihr Studium möglichst kurz zusammen.

Alexandra Gerull: Naja, ich bin mit so einer ganz großen Neugier gekommen, ohne aber so wirklich zu wissen, wo es hingeht. Mit viel Neugier, aber nicht gerade mit viel Zielstrebigkeit. Und ich war dann erst mal ob dieser Fülle von Wissen, die da auf einen einprasselte und den vielen neuen Menschen und den großen Gruppen, in denen es zu arbeiten galt, ein bisschen verunsichert. Dieses Gefühl hat so bis zum Ende des Grundstudiums angehalten. Und dann kristallisierten sich halt irgendwann eigene Themen heraus; das, was man selber interessant fand. Und dann habe ich es auch irgendwann verstanden, selbst für meine Arbeit die Verantwortung zu übernehmen und nicht darauf zu warten, dass irgendein Dozent mir sagt, „das hast Du aber gut gemacht“ – wie man das ja aus der Schule noch kannte.
Dementsprechend habe ich dann auch für mich einen eigenen Anspruch an meine Arbeit entwickelt, für mich festgemacht, was ich als eine qualitativ hochwertige Arbeit ansehe, und so ging es dann durchs Hauptstudium. Irgendwann muss man sich in dieser Fülle einfach selber Marken setzen.

Inwieweit sich das heute geändert hat, weil das Studium ja jetzt auch ein bisschen anders strukturiert ist, kann ich nicht beurteilen. Aber damals war halt alles sehr offen in der Struktur, was ich eigentlich im Nachhinein sehr gut finde. Das sich selber Zurechtfinden ist mir anfangs sehr schwer gefallen – es ist aber auch das, wovon ich am meisten profitiert habe.

RUB Alumni: Haben Sie lange gebraucht, um das Geschoss-System der RUB-Gebäude zu verstehen?

Alexandra Gerull: (Lacht) Das ist eine gute Frage! Oberirdisch ging es relativ schnell, aber unterirdisch war ich sehr lange noch sehr verloren. Gerade die Seminarräume unten, oder wenn man dann mal nicht in GB war, sondern irgendwo anders aus irgendwelchen merkwürdigen Gründen, dann habe ich so bis zum dritten Semester immer noch mal jemanden fragen müssen, wo ich denn hin muss. Heute könnte ich die Wege, die ich immer gegangen bin, sicher nicht mehr beschreiben.

RUB Alumni: Fällt ihnen eine nette Anekdote aus Ihrer Studienzeit ein?

Alexandra Gerull:
Es gibt eine Geschichte, die ich schon sehr oft erzählt habe: Eine meiner ersten Vorlesungen über Shakespeare war sehr groß und sehr voll und lag etwas unglücklich in der Mittagszeit, so dass die meisten immer sehr müde vom Mittagessen waren. Es herrschte also eine eher unkonzentrierte Atmosphäre bei dieser Vorlesung, was den Prof. natürlich auch immer ein bisschen störte.
Einmal wurde die Vorlesung, kaum, dass der Raum endlich ruhig war, dann noch zusätzlich torpediert: Wir saßen im großen Hörsaal in GB und von hinten kam durch die offene Tür ein riesiger Schäferhund hereingetrottet. Kein Mensch wusste, wo der herkam. Er lief einmal durch den Hörsaal, also auch ganz nach unten, vorne rum und wieder raus – eine etwas absurde Szene. Der Professor wollte mühsam die Disziplin wahren, kommentierte das nicht und machte ganz knallhart weiter. Als ihm dann aber auch noch – er hatte die Angewohnheit, während des Vortrags seine Brille an der Hand herum zu schlenkern – die Brille im hohen Bogen davon flog, gab es natürlich ein riesen großes Gelächter.
Und jeder wusste eigentlich, dass die Vorlesung dann für diesen Tag nun wirklich nicht mehr still zu kriegen war. Der Prof. hat die Vorlesung dann auch für beendet erklärt, er hat an dem Tag wohl sehr deutlich gespürt, dass er keine Chance hatte gegen diese Masse.

RUB Alumni:
Wenn Sie heute in der Haut des Rektors oder des Kanzlers stecken würden – würden Sie etwas anders machen?

Alexandra Gerull:
Ich kann halt nur von meinem damaligen Standpunkt ausgehen: In den Geisteswissenschaften sind ja bei den Studierenden eigentlich immer die Frauen sehr in der Überzahl gewesen. Das spiegelt sich aber wohl nach wie vor nicht in der Zahl der lehrenden Frauen wider. Also wo auch immer dann der Knick ist, es ist ja wohl offensichtlich so, dass von den vielen Frauen, die anfangen, geisteswissenschaftliche Fächer zu studieren und sich auch dafür zu interessieren, es nur ganz wenige schaffen, wirklich in die Lehre zu gehen – oder vielleicht ist das auch nur in Bochum so, ich weiß es nicht.
Das war etwas, was ich immer als ein Manko empfunden habe, denn ich hätte manchmal gerne eine weibliche Sicht auf manche Sachen gehabt. Dabei ginge es nicht unbedingt um feministische Theorie oder so, sondern einfach um einen anderen Blick auf manche Dinge.
Ich denke man sollte nach wie vor versuchen, das zu ändern. Natürlich ist das nicht alleine eine Sache des Rektors oder des Kanzlers ist, sondern auch der Frauen, die da anfangen, zu studieren und sich irgendwann rauswerfen lassen. Oder von sich aus zurückziehen.

RUB Alumni:
Was denken Sie denn über die mittlerweile durchgesetzten Studiengebühren?

Alexandra Gerull:
Das halte ich nach wie vor für sehr problematisch. Ich habe zum Beispiel kein Bafög bekommen und meine Mutter war allein erziehend mit drei Kindern. Ich habe also immer neben dem Studium gearbeitet. Und das hat sicherlich auch deutlich dazu beigetragen, dass meine Studienzeit so lang war. Auch während der Magisterarbeit habe ich noch gearbeitet und das hat sehr viel Kraft gekostet. Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass man nicht nur den normalen 12- oder 20-Stunden-Studivertrag hat, sondern halt mehr arbeiten muss, um seine Studiengebühren zu finanzieren, dann glaube ich, dass sich das nur negativ auf das Studium auswirken kann – oder es studieren nur noch Leute, die es sich leisten können. Und dann gäbe es eine Auslese, die ich gesellschaftlich eigentlich nicht vertreten kann. Ich fand immer das, was die Ruhr-Uni sehr positiv hat dastehen lassen, war, dass man da einen sehr guten Querschnitt von Leuten aus allen möglichen sozialen Schichten hatte, die es halt geschafft hatten, Abitur zu machen und dann an die Uni zu gehen.

RUB Alumni:
Wenn Sie an Ihre Studienzeit zurückdenken – vermissen Sie dann irgendwas heutzutage?

Alexandra Gerull:
Ja, was ich sehr genossen habe, besonders im Zusammenleben im Wohnheim, war, dass man einen Austausch von Leuten aus ganz unterschiedlichen Disziplinen mit ganz unterschiedlichen Denkweisen hatte. Dass man Problemstellungen aus ganz unterschiedlichen Richtungen betrachten kann und dann zusammen vielleicht zu einer sehr interessanten neuen Lösung kommt. Das ist etwas, was sich dann im Zuge des Berufslebens verliert, weil man dann ja ziemlich zwangsläufig nur noch mit Leuten aus dem eigenen Bereich zu tun hat.

Außerdem habe ich es im Studium immer so erlebt, dass jeder, der sich an die wissenschaftlichen Regeln gehalten hat, das Recht hatte, etwas zu sagen. Und auch gehört zu werden. Dieses Recht auf eine eigene Sicht der Sache, das ist etwas, womit man dann im Berufsleben nur noch sehr taktisch umgehen kann. Diese Offenheit, dass man um eine Sache streiten kann, dass es nicht um die soziale Stellung eines der Teilnehmer geht, das gab es im Studium eigentlich zuhauf und das vermisse ich heute.

RUB Alumni:
Verbindet Sie heute noch etwas mit der RUB?

Alexandra Gerull:
Ich habe einen ehemaligen Kommilitonen, der in der Pressestelle der RUB arbeitet, über den höre ich dann ab und zu mal was. Und ansonsten versuchen wir irgendwie, wenn es geht, zum Silvesterkonzert der Bochumer Symphoniker zu fahren, aber sonst kommt man sehr selten. Manchmal gehe ich auch in Bochum ins Theater. Wenn man dann direkt an der RUB vorbeifährt und denkt, „mein Gott, das ist auch fürchterlich hässlich, das Ding“, schwingt trotzdem schon ein bisschen Wehmut mit, weil es doch eine sehr unbeschwerte Zeit war, die wir da verbracht haben. Und auch so eine Zeit, in der man das Gefühl hatte, man kann noch ganz viele Dinge ausprobieren. Das ist natürlich so ein bisschen ein verklärter Blick, aber das Gefühl, das ich habe, ist eigentlich doch immer noch sehr positiv.

RUB Alumni: Vielen Dank für das Gespräch.