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2005

Dr. Uwe Ganzer

Alleinvorstand VARTA AG

Dr. Uwe Ganzer studierte zwischen 1979 und ´84 Rechtswissenschaft an der Ruhr-Uni Bochum. Parallel beschäftigte er sich mit Wirtschaftswissenschaften und Philosophie. 1992 promovierte er außerdem noch an der juristischen Fakultät der RUB. Heute ist er Alleinvorstand der VARTA AG.

 

 

Ich musste ja mal testen, ob das Leben auch außerhalb Bochums lebenswert ist.

RUB Alumni: Was hat Sie bewogen, sich neben den Rechtswissenschaft auch mit Wirtschaftswissenschaften und Philosophie zu befassen?

Dr. Ganzer: Weil das alles spannender war als die Juristerei. Wenn Sie ein gutes Buch haben, können Sie Rechtswissenschaft im Zweifelsfall auch in der Badewanne studieren. Formale Abschlüsse  habe ich in Philosophie und Wirtschaftswissenschaften ja nicht gemacht, aber ich habe mich oft mit privaten Arbeitsgemeinschaften organisiert.

RUB Alumni: Und warum haben Sie in Bochum studiert?

Dr. Ganzer: Ich bin geborener Bochumer und sollte eigentlich wegen des Numerus Clausus im Rahmen der damaligen Kinderlandverschickung in Passau das Studium aufnehmen. Das wäre auch ein schöner Studienort gewesen, allerdings habe ich da keine Möglichkeit gesehen, aus eigener Kraft das Studium zu finanzieren. In Bochum war das besser darstellbar. Insofern lehnte ich Passau als Studienort ab, wartete lieber ein halbes Jahr, verdiente in der Zeit Geld und fing dann zum Sommersemester an, an der RUB zu studieren. Das war auch einer der Gründe, warum ich nach dem Abschluss aus Bochum wegging. Ich musste ja mal testen, ob das Leben auch außerhalb Bochums lebenswert ist.

RUB Alumni: Und wie sind Sie zu VARTA gekommen?

Dr. Ganzer: Ich war zuvor neun Jahre lang bei einem regionalen Energieversorgungsunternehmen, eine Tochtergesellschaft der damaligen VEBA bzw. der heutigen EON. Dort habe ich zunächst gelernt, dass man Strom nicht speichern kann und es so aufgrund der leitungsgebundenen Energieversorgung richtig ist, über ein so genanntes natürliches Monopol zu verfügen. Nach neun Jahren sagte der damalige Vorstandsvorsitzende der VARTA zu mir, dass das alles ganz falsch sei und man Strom wunderbar speichern kann: man braucht nur die richtige Batterie dafür. Im Prinzip lockte er mich so zu VARTA. Gereizt hatte mich die internationale Ausrichtung. Außerdem war die VARTA auch mit ihren verschiedenen Geschäftsfeldern breiter aufgestellt: zu nennen ist hier nur das Industrie-, Autobatterie- und Consumerbatteriegeschäft in Verbindung mit Randaktivitäten wie dem Recycling- und dem Chemiegeschäft. Das stellte gegenüber dem Versorgergeschäft, bei dem man doch  im kommunalen System sehr eingebunden war, eine besondere Herausforderung dar.

RUB Alumni: Und was genau tut ein Alleinvorstand?

Dr. Ganzer: Alleinvorstand heißt zunächst einmal, dass es keine anderen Vorstandskollegen gibt und auch die Bereiche Technik und Finanzen bei mir resultieren. So einen Job können Sie nur einem Juristen antun (lacht). Die Hauptgeschäftsbereiche der VARTA im Starterbatteriebereich und Consumerbereich sind vor drei Jahren verkauft worden. Das Unternehmen Mikrobatterien, das wir heute im Wesentlichen operativ führen, liegt im unteren sechsstelligen Umsatzbereich mit immerhin weltweit 2000 Mitarbeitern. Ich denke, die Anforderungen sind damit andere als früher in einem Unternehmen, mit dem wir im Milliardenbereich lagen und welches in seiner Hochzeit über 10.000 Mitarbeiter beschäftigte. So eine vorstandseitige Aufgabe besteht ja im Wesentlichen auch in der Darstellung nach außen und im Managen der Themen und dem Setzen der Prioritäten, die in einem Unternehmen anstehen. Ich genieße durchaus das Privileg, mich nicht in Abteilungs- und Vorstandseifersüchteleien gegenseitig zu blockieren, sondern ich bin bemüht, das Unternehmen in einer schwierigen Phase entsprechend klar auszurichten.

RUB Alumni: Wenn Sie Ihr Studium knapp zusammenfassen würden, wie würden Sie das machen?

Dr. Ganzer: Beton ist, was man draus macht.

Die RUB ist auch heute noch ein mächtiger Trumm aus Beton und das ist ja auch der Grund, weshalb sich viele auf den ersten Blick mit Grauen abwenden. Aber Beton ist eben, was man draus macht und das ist einer der ganz großen Vorteile der RUB: die Fachbereiche liegen sehr eng beieinander. Man muss im Prinzip nur den Weg vom GC- ins GB-Gebäude finden und schon nimmt man an einer Philosophievorlesung teil. Woanders muss man oft quer durch die Stadt, um allein die Bibliothek seines Fachbereiches zu finden. Sie ist vielleicht nicht ganz so kuschelig wie man das an anderen Universitäten vorfindet. Aber wenn man die Vorteile für sich entdeckt und nutzt - dann glaube ich hat die RUB schon einiges zu bieten.

RUB Alumni: Hat Ihnen dementsprechend das Geschoss-System auch nicht viele Schwierigkeiten bereitet?

Dr. Ganzer: Ich denke, das war vielleicht ein Semester lang problematisch. Wenn man sich die Systematik klar macht, ist da schon eine gewisse Logik drin und dazu reicht ein Semester. Schwieriger war die Parkplatzsuche und das Wiederfinden des Fahrzeuges.

RUB Alumni: Vermissen Sie irgendetwas besonders, wenn Sie an Ihre Studienzeit zurückdenken?

Dr. Ganzer: Ja, die Sportmöglichkeiten. Man konnte zu Zeiten arbeiten, wann man Lust dazu hatte. So konnte man auch mal an einem Sonntag lernen und hatte die Möglichkeit, jeden Tag intensiv Sport auszuüben. Auch anspruchsvoll mit guten, anderen durchtrainierten Menschen. Das hat eine Menge Spaß gemacht und wird einem so im Leben nicht wieder begegnen.

RUB Alumni: Besitzen Sie noch einen Gegenstand aus Ihrer Studienzeit?

Dr. Ganzer: Na, Juristen können sich nur schwer vom geschriebenen Wort trennen, von daher gibt´s jede Menge Bücher, die ich noch aus der Studienzeit besitze.

RUB Alumni: Verbindet Sie noch etwas mit der Bochumer Uni?

Dr. Ganzer: Einige Bekannte und die Gelegenheiten bestimmte Vorträge wahrzunehmen oder die Teilnahme an Festveranstaltungen, zu denen ich eingeladen werde.

RUB Alumni: Können Sie die Inhalte Ihres Studiums in Ihrem Beruf verwenden?

Dr. Ganzer: Da ich mir immer etwas über die Juristerei hinaus angesehen habe, insbesondere im wirtschaftswissenschaftlichen Bereich, verfüge ich heute über ein recht breites, anwendbares Instrumentarium. Ich habe versucht, das Studium vielfältig anzulegen und die Vielfalt habe ich heute auch im Beruf. Es ist ja ein Standardfehler im Management, dass man meint, einige Dinge gut machen zu können, sich dementsprechend daran festhält und dann entstehen an ganz anderer Stelle im Unternehmen Probleme. Also versuche ich heute gezielt, das Rechtswissenschaftliche eher zurückzustellen und mich auf andere Themen zu werfen, von denen ich weitaus weniger verstehe. Insofern denke ich schon, dass sich die Arbeitsweisen und Inhalte, die man als Grundstock an einer Universität erwerben kann, im realen Leben wiederholen.

RUB Alumni: Würden Sie denn heute noch mal die gleichen Fächer studieren? Auch an der RUB?

Dr. Ganzer: Für mich persönlich war das ideal. Grundsätzlich kann ich also beides bejahen und Sie hören eben auch daraus, dass die Einschätzung nicht absolut sondern relativ ist. Wenn jemand bestimmte Qualifikationen mitbringt, dann glaube ich, ist auch heute das rechtswissenschaftliche Studium unverändert ein gutes Studium, von dem man sich auch bei schlechten Prognosen, was den Arbeitsmarkt anbelangt, nicht abhalten lassen muss. Und man wird Rechtswissenschaft auch in Bochum studieren können, auch wenn die Uni in diesem Bereich vielleicht nicht so hoch gegradet ist wie andere Universitäten. Jedoch hat man gerade in solchen Bereichen und gerade an solchen Unis die Möglichkeit als guter Mann oder Frau erstens eher aufzufallen und zweitens hat man die Chance, ein gewisses Humankapital zu erwerben. Das ist an anderen Universitäten dann vielleicht nicht so der Fall. Von daher kein klares pro oder contra, sondern man muss schauen, wie individuell die Fähigkeiten sind und wie die Möglichkeiten zu wohnen und zu leben sind - das ist schließlich nicht ganz unwesentlich. Was habe ich von einer tollen Uni, wenn ich nicht die Möglichkeit habe, anständig vor Ort zu leben und ein bisschen was anderes zu machen als das konkrete Studienfach?

RUB Alumni: Inwiefern meinen Sie, dass Humankapital hier eher zu erwerben ist als an einer anderen Uni?

Dr. Ganzer: Na, ich sage schon mal frotzelig, dass ich von einer Arbeiter- und Bauernuniversität abstamme. Man findet sicherlich eine andere soziale Durchmischung an der Ruhr-Universität als an einer privat finanzierten Uni. Das betrachte ich aber als eine der positiven Erfahrungen. Ich hatte ja eingangs gesagt, dass ich mir den Großteil meines Studiums selbst verdient habe. Zum Teil habe ich für verschiedene Professoren an der Ruhr-Universität gearbeitet und nebenbei immer wieder mal auf dem Bau Geld verdient. Das ging  zu meiner Zeit, weil wir damals noch ganz attraktive Öffnungszeiten der Bibliotheken hatten. So konnte man abends um acht auch noch mal dahin marschieren und bis spät in Bücher reinschauen. Später kamen jedoch Zeiten, zu denen die Bibliothek geschlossen war, weil man nicht mehr das Personal für die längeren Öffnungszeiten hatte. Das halte ich für einen Skandal, denn letztlich stellen die Bibliotheken, die Zugriffsmöglichkeiten auf Informationen, einen ganz wesentlichen Teil des Kapitals einer Universität dar, die man den dort studierenden Menschen entsprechend zur Verfügung stellen muss.

RUB Alumni: Haben Sie denn Ideen, was der Rektor oder der Kanzler anders machen könnten?

Dr. Ganzer: Ich bin überzeugt, dass kein Weg daran vorbeiführt, Leistungsvergleiche zu erstellen und als Universität zu definieren, wo sie sich positionieren will. Aber die Kehrseite davon bedeutet natürlich, dass sie dann auch sagen müssen, wo sie schlechter ist, wo bestimmte Leistungen im Vergleich nicht erbracht werden und wie darauf reagiert werden kann. In der Folge werden dann bestimmte Fachbereiche weniger gefördert als andere. Streit ist damit programmiert, denn dann kommt wiederum das Beharrungsvermögen der jeweiligen Bereiche, die belegen wollen, wie wichtig sie sind. Und das deutsche Beamtenrecht bietet zahlreiche Stellschrauben für derart negative Beharrungstendenzen. Um nicht missverstanden zu werden: Ich sehe das Ganze nicht nur unter dem Aspekt der Wirtschaft – es gibt ohne Zweifel auch in der Kunst oder Geschichte Bereiche, die man als wichtig und förderungswürdig definieren kann. Aber dieser Aufgabe muss sich eine Universität beziehungsweise ihre höchsten Repräsentanten auch stellen und gegen Widerstände durchsetzen. Ein „weiter so“ ist nicht Stillstand, sondern bedeutet in einer sich verändernden, globalen Welt Rückschritt. Aber die Dinge brechen auf und ich kann nur jeden ermuntern, auf dem Weg voranzuschreiten. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das in allen Fachbereichen heute schon so der Fall ist bei der Ruhr-Universität. Man muss auch für den rechtswissenschaftlichen Bereich sagen, dass da andere Universitäten einen Tick weiter sind.

Und schließlich bin ich natürlich irritiert, dass man immer noch nicht so richtig die Farbe entdeckt hat. Wie gesagt: „Beton ist, was man draus macht“ – also, mal irgendwo einen Liter Farbe zu verwenden und das Ganze mal etwas aufzuhübschen kann nicht soviel Geld kosten als dass man da nicht irgendwas organisieren könnte.

RUB Alumni: Was würden Sie den heutigen Bochumer Studierenden mit auf den Weg geben?

Dr. Ganzer: Ich bin schon der Meinung, dass man aus der „akademischen Kuschelhöhle“ heraus muss, sich dem Leistungswettbewerb stellen und praktische Erfahrungen sammeln sollte. Wenn man als Vorstand ein internationales Unternehmen führt und weltweit Bewerbungen eingehen, dann fällt eine deutsche Bewerbung gegenüber allen anderen Bewerbungen in dieser Welt aus dem Rahmen. In internationalen Bewerbungen finden Sie fast regelmäßig Schlusssätze wie: „I´m able to add value to your company“ - im Gegensatz zu den deutschen Bewerbungen: „Jetzt würde ich mich über eine Einladung zum Vorstellungstermin freuen“ – das ist ein ganz anderer Ansatz. Auch wenn man in einer deutschen Bewerbung sicher nicht so etwas schreiben könnte wie: „ich bin in der Lage den Mehrwert Ihres Unternehmens zu steigern“. Aber als Versinnbildlichung der ganz anders gelagerten Einstellung in Deutschland halte ich das Beispiel für geeignet. Der Leistungsgedanke ist in anderen Ländern sehr viel ausgeprägter. Wir haben da oft in sehr weiten Teilen wirklich knuffige Vorstellungen, was das anbelangt und das wird sich ändern müssen. Sogar SPD-Bildungspolitiker nehmen heute mal das Wort „Hochbegabte“ in den Mund. Das war ja jahrelang nicht möglich. An schlechten Tagen haben die vielleicht mal von „besonderen Begabungen“ gesprochen. Aber ich glaube, dass man sich ohne Wenn und Aber zur Leistung bekennen muss. Auch als Universität. Und ganz entscheidend ist, zu wissen, dass das Unternehmen - ebenso wenig wie der Staat - eine Sozialbehörde ist. Stattdessen muss man eben jeden Monat sehen, dass man selbst seinen Beitrag leistet und ich glaube schon, dass bei den erfolgreichen Menschen ihr Beitrag im Zweifel größer ist als das Gehalt, das sie am Monatsende bekommen. Aber das ist eine Erkenntnis, der sich viele in Deutschland verschließen.

RUB Alumni: Würden Sie sagen, dass sich das in den Generationen geändert hat?

Dr. Ganzer: Eigentlich haben diese Vorstellungen noch nie gepasst – erst recht nicht bei den ´69igern. Nur eins ist auch klar – die ´69iger Generation hatte die Intelligenz, dass sie mit viel Wortgewalt erreicht hatte, damals von ihren Eltern durchgefüttert zu werden. Denn: den Hörsaal zu bestreiken ist ja eine nette Idee, aber man muss irgendjemanden finden, der einem den Spaß bezahlt. Und später als diese Generation in Arbeit, Lohn und Brot und in die Verantwortung kam - konnten die Eltern nicht mehr für diese Generation herhalten. Da mussten die ´69iger  den nachfolgenden  Generationen ihren Lebensunterhalt abtrotzen. Dass so ein System irgendwo Grenzen hat, das liegt glaube ich auf der Hand. Gemessen daran berechtigt insbesondere die jüngere Generation zu allen Hoffnungen.Wenn ich mir heute die unter 30jährigen anschaue, dann entdecke ich da wieder eine hungrige Generation, die was bewegen möchte und nur das Manko hat, zu vielen falschen Vorbilder ausgesetzt zu sein, weshalb sie vielleicht desorientiert ist. Letztlich macht diese Generation aber wirklich viel Freude.

RUB Alumni: Was ist Ihrer Meinung nach ausschlaggebend für die von Ihnen exemplarisch dargestellten Ansichten?

Dr. Ganzer: Dass die Angst vor Veränderungen groß ist - zum einen weil man sich die Probleme anderer Generationen schnell zu eigen macht und unreflektiert auf sich selbst bezieht und zweitens neigt der Deutsche an sich dazu, die Zukunft angstvoller zu sehen als Angehörige anderer Völker.

RUB Alumni: Vielen Dank für das Gespräch.

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