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2004

Dr. Volker Brüggemann

Präsident des Landgerichts Bochum

Volker Brüggemann studierte von 1969 bis 1974 Rechtswissenschaft an der RUB.
Von 1979 an war er 21 Jahre lang zunächst als Richter und später als Vorsitzender Richter tätig und daneben für die richterlichen Personalangelegenheiten am Landgericht Bochum zuständig. 2000 wurde er zum Oberlandesgericht Hamm abgeordnet, wo er unter anderem das Dezernat für Disziplinarangelegenheiten leitete. Bevor Brüggemann von 2003 bis 2008 das Amt des Präsidenten des Landesgerichts Paderborn inne hatte, war er 2002 als Vizepräsident des Landesgerichts Duisburg tätig. Anfang 2008 wurde Volker Brüggemann zum Präsidenten des Landgerichts Bochum ernannt.

Man fühlte sich ein wenig wie auf einem Verschiebebahnhof der Bundesbahn.

RUB Alumni: Nach vielen Jahren sind Sie nun wieder an das Landgericht Bochum zurückgekehrt. Kann man dies gewissermaßen als finalen Schritt Ihrer lange beruflichen Laufbahn betrachten?

Brüggemann: Ja, das denke ich schon. Das ist eigentlich auch eine schöne Situation, in die man kommt, wenn man als Behördenleiter zu dem Gericht zurückkehren kann, an dem man sich die ersten beruflichen Sporen in der richterlichen und in der  Verwaltungstätigkeit erworben hat.

RUB Alumni: Gehen wir zurück zum Beginn Ihres Studiums. Warum haben Sie damals Bochum als Studienort gewählt?

Brüggemann: Ich bin in Oberhausen-Sterkrade aufgewachsen, habe dort meine Jugendzeit verbracht und nach der Bundeswehr hieß es dann: "Wo fängst du an zu studieren?" Da war Bochum ein Standort, der natürlich relativ nah an Oberhausen lag. Zudem studierten viele meiner Freunde und Bekannten aus Oberhausen an der RUB. Später habe ich auch zwei Semester in München studiert. Aber dort ist das Studieren damals etwas zu kurz gekommen.

RUB Alumni: Warum haben Sie sich für das Studienfach der Rechtswissenschaft entschieden?

Brüggemann: Ursprünglich tendierte ich in den letzten Jahren vor dem Abitur schon zu Jura, aber endgültig war meine Entscheidung noch nicht gefallen. Damals wurde an der RUB im Wintersemester mit dem Jura-Studium begonnen. Meine Bundeswehrzeit endete allerdings schon zum Sommersemester. Deshalb habe ich, bevor ich mich für Jura entschied, mich erst einmal für ein Semester in Anglistik und Geschichte eingeschrieben. Nach kurzer Zeit habe ich allerdings gemerkt, dass das doch nicht das Richtige für mich war. Deshalb bin ich im folgenden Wintersemester zur Rechtswissenschaft gewechselt. Nebenbei habe ich Geschichte noch bis zur Zwischenprüfung studiert, mich danach aber vollends auf die Rechtswissenschaft konzentriert.

RUB Alumni: Können Sie sich noch an Ihre Immatrikulation erinnern?

Brüggemann: Als ich anfing, war die Universität noch im Aufbau. Da standen nur drei Gebäude und in einem dieser Gebäude war die Verwaltung der Universität untergebracht. In einer Etage dieses Gebäudes standen viele einfache Tische und man stellte sich als Erstsemester in einer langen Schlange an und ließ sich dann immatrikulieren.

RUB Alumni: Hatten Sie denn auch einen dieser berühmten ersten Studierendenausweise in Form einer großen Lochkarte?

Brüggemann:Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich einen Plastik-Ausweis bekommen, der auch bestimmte Codes in sich trug, mit denen man irgendwelche Automaten bedienen konnte. Der war größer als unser jetziger Personalausweis und auch dicker.

RUB Alumni: Wie gestaltete sich denn damals der Studienalltag in der noch im Aufbau begriffenen Universität?

Brüggemann: Zu Beginn meines Studiums wurden die übrigen Gebäude auf dem Campus weitergebaut. Und während meines Studiums ist die Fakultät für Rechtswissenschaft in das gerade fertig gestellte Gebäude GC umgezogen. Wir mussten über unbefestigte, manchmal matschige Wege, die zwischen den beiden Universitätstrakten lagen, gehen und haben die neugebauten Hörsäle aufgesucht. Als ich anfing, waren wir etwa 600 Erstsemester in der rechtswissenschaftlichen Fakultät. Die Einführungsvorlesungen fanden in einem dieser großen Verbindungsräume zwischen den G-Gebäuden statt. Dort saßen also diese 600 Erstsemester und hinter den aufgebauten Stuhlreihen herrschte normaler Durchgangsverkehr. Man fühlte sich ein wenig wie auf einem Verschiebebahnhof der Bundesbahn.

RUB Alumni: Da waren die Studienbedingungen während der Vorlesungen wahrscheinlich nicht gerade optimal.

Brüggemann: Die Störungen waren nicht so erheblich. Bei den riesigen Vorlesungen mit den riesigen Zuhörerzahlen war ja eh immer ein wenig Unruhe.

RUB Alumni: Gab es denn damals schon die RUB-Mensa?

Brüggemann: Nein, die Mensa in der jetzigen Form gab es noch nicht. Wir gingen immer in das Sportzentrum, eine große Halle im Osten der Universität, zum Essen. In der oberen Etage dieses Gebäudes lag die Mensa.

RUB Alumni: Haben Sie denn noch die Eröffnung der Mensa miterlebt?

Brüggemann: Ja, ich bin ja auch noch lange Zeit nach meinem Studium an der Uni gewesen. 1974 habe ich mein erstes Examen gemacht. Danach habe ich ein dreiviertel Jahr als studentische Hilfskraft am Lehrstuhl gearbeitet. Nach meinem zweiten Examen war ich noch ungefähr eineinhalb Jahre wissenschaftlicher Assistent. Somit war ich von 1969 bis 1979 an der Universität.

RUB Alumni: Also haben Sie auch einen Vergleichsmoment zwischen der alten Mensa und der neuen?

Brüggemann: Ja, auf jeden Fall war die neue Mensa komfortabler. Die alte Mensa war ja ein riesiger Saal, in der neuen Mensa gab es dann drei separate Bereiche, die man aufsuchen konnte. Somit war das Angebot schon vielfältiger.

RUB Alumni: Und wie gefällt Ihnen die neu renovierte Mensa, die 2006 wiedereröffnet wurde?

Brüggemann:Die ist wirklich schön geworden.

RUB Alumni: Wie gestaltete sich denn damals Ihre Wohnsituation während des Studiums?

Brüggemann: Im ersten Semester bin ich noch von Sterkrade zur RUB gependelt. Im darauffolgenden Semester hatte ich privat in der Nähe der Uni am Biermannsweg eine Studentenbude. Die hat mir insofern sehr gut gefallen, weil sie in einem alten Kötterhaus war. Die Eigentümerin hatte in diesem Haus drei Einheiten für Studenten eingerichtet. Dort wohnte ein guter Freund von mir, der mir diese Wohnung vermittelt hat. Darin habe ich bis zum Ende meines Studiums gewohnt.

RUB Alumni: Wie würden Sie denn Ihr Studium in aller Kürze zusammenfassend umschreiben?

Brüggemann: Ich habe ja den Vergleich mit München und von daher würde ich sagen, dass das Studium in Bochum vergleichsweise arbeitsintensiv gewesen ist. Man hatte in Bochum die Möglichkeit, zielorientiert zu studieren. Natürlich muss man dazu sagen, dass es hier nicht so viele Ablenkungen vom Studium gab, wie in München. Und man muss auch sagen, dass die Universität zum damaligen Zeitpunkt gut ausgestattet war. Als besonders angenehm empfand ich es, dass alle Seminare sehr zentral auf dem Campus stattfanden. Ich kann mich daran erinnern, dass ich in den Semestern, in denen ich in München war, durch ganz Schwabing laufen musste, weil die Universität im gesamten Stadtgebiet viele verschiedene Räumlichkeiten für die Seminare angemietet hatte.

RUB Alumni: Gab es denn auch Umstände im Studienbetrieb, die Sie als verbesserungswürdig angesehen haben?

Brüggemann:Damals sah es schon sehr grau auf dem Campus aus. Wie ich gesehen habe, hat man sich ja dann später darum bemüht, durch Grünflächen, Baumbewuchs und Farbe den Campus aufzulockern. Damals gab es erst einmal nur die drei I-Gebäude, zu denen dann später weitere graue Gebäude hinzukamen. Es wäre besser gewesen, wenn man schon von vornherein den Campus mit Grünflächen versehen hätte. Aber ich kann mich heute nicht an irgendwelche Umstände erinnern über die ich sagen müsste: „Mensch, darunter hast du aber gelitten."

RUB Alumni: Gab es denn damals Angebote neben dem Studium, die Sie an der RUB genutzt haben?

Brüggemann:Es gab damals schon einen Filmclub, der sehr interessante Filme gespielt hat. Später wurden von der Sportwissenschaftlichen Fakultät im Süden der G-Gebäude die Tennisplätze eröffnet. Und die konnte man sich reservieren lassen. Von diesen Angeboten habe ich Gebrauch gemacht.

RUB Alumni: Sie haben 1969 angefangen zu studieren. Können Sie sich vielleicht an zeitgeschichtliche Ereignisse erinnern, die Sie auf dem Campus miterlebt haben?

Brüggemann: Die 68er Geschichten waren ja gerade vorbei, als ich mit dem Studium begann. Ich kann mich allerdings noch an Streiks erinnern. Dabei ging es um die paritätische Besetzung des Universitätsparlaments. Das war allerdings nicht so, dass man hätte meinen können, jetzt bräche die Revolution aus.

RUB Alumni: Wie sind Sie denn damals mit Ihren Kommilitonen auseinander gegangen?

Brüggemann:Ich hatte mit vier anderen Studenten eine private Arbeitsgemeinschaft. Wir haben uns zusammengesetzt und den Prüfungsstoff privat durchgearbeitet. Mit diesen vier Leuten treffe ich mich heute noch regelmäßig.

RUB Alumni: In welcher Weise hat Sie das Studium auf Ihre berufliche Tätigkeit vorbereitet?

Brüggemann:Natürlich hat man die Methode zur Lösung juristischer Fälle beigebracht bekommen. Als es dann auf das Ende des Studiums zuging, hat man diese Methode auch gut beherrscht. Das riesige gesammelte Fallwissen, das man sich während seines Studiums angeeignet hatte, verblasst natürlich mit der Zeit. Aber zum Zeitpunkt der Examensprüfung hatte man sehr viele Fallkonstellationen auswendig im Kopf. Das Wichtigste, nämlich die juristische Methodik, hat die Uni uns schon vermittelt. Es war ein gutes Rüstzeug, das wir aus der Uni mitgenommen haben.

RUB Alumni: Erinnern Sie sich denn noch an Dozenten, die Sie besonders geprägt haben?

Brüggemann: Geprägt hat mich mein Doktorvater Herr Herzberg, bei dem ich zwar keine Vorlesungen gehört habe, den ich aber später intensiv kennen und schätzen gelernt habe. Meinen kleinen BGB-Schein habe ich bei Herrn Biedenkopf gemacht. Für einen Studenten im zweiten Semester war das faszinierend, wie druckreif der reden konnte. Herr Geilen, ein Professor für Strafrecht, hat mich auch sehr beeindruckt. Der konnte junge Studenten richtig mitreißen.

RUB Alumni: Was vermissen Sie denn am meisten, wenn Sie an die Studienzeit an der RUB zurückdenken?

Brüggemann: Ich vermisse unheimlich diese zeitliche Freiheit, die man während des Studiums hatte. Man konnte sich beispielsweise die Woche ganz anders einteilen. Als Student sieht man das gar nicht als besondere Freiheit, aber im Nachhinein betrachtet, ist das schon ein ganz besonderer Vorteil des Studiums, sich die Zeit selbst einteilen zu können und auch in der Lage zu sein, fachfremde Vorlesungen zu besuchen.

RUB Alumni: Gibt es denn noch einen Gegenstand aus Ihrem Studium, den Sie heute noch besitzen?

Brüggemann: Ich habe noch ein schönes altes Skript von Herrn Geilen aus dem allgemeinen Strafrecht. Wenn ich es einmal zufällig im Bücherregal finde, dann blättere ich gerne darin herum.

RUB Alumni: Fällt Ihnen vielleicht noch eine Anekdote aus dem damaligen Studienbetrieb ein?

Brüggemann: Es gab damals in der GC-Cafeteria einige Tische, an denen nicht Rechtswissenschaft studiert, sondern regelmäßig Doppelkopf gespielt wurde. Es wurde kolportiert, dass mal an einem Schwarzen Brett gestanden haben soll, offensichtlich von einem Studierenden geschrieben, der vom Jura-Studium nicht mehr so begeistert war: Gebrauchtes Doppelkopfspiel, ungebrauchter Schönfelder abzugeben.

RUB Alumni: Was würden Sie denn den heutigen Studierenden mit auf den Weg geben?

Brüggemann: Die Jura-Studenten sollten sich bewusst werden, dass es für ihre spätere berufliche Tätigkeit nicht darauf ankommt, dass man spezielle Fallkonstellationen auswendig kennt, sondern dass sie die Methode der juristischen Arbeit im Studium erlernen sollten. Wenn man das beherrscht, dann kommt man quasi von selbst auf die Lösung bestimmter Sachverhalte. Man sollte als Student weniger auf die Detailprobleme achten, als darauf, dass man mit dem Handwerkszeug, das die Juristerei zu bieten hat, auch richtig umgehen kann. Und wenn man das einigermaßen beherrscht, dann kann man auch komplizierte Rechtsprobleme lösen. Und man sollte schon die Studentenzeit dazu nutzen, auch einmal Dinge zu tun, von denen man weiß, dass man sie später im Beruf schon aus zeitlichen Gründen gar nicht mehr realisieren kann.

RUB Alumni: Vielen Dank für das Gespräch.