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2009

Manfred Breuckmann

Fußballreporter i. R.

Über verschmähten Mensaeintopf und Fußball als Scheitern

Manfred Breuckmann studierte von 1969 bis 1971 Rechtswissenschaft an der Ruhr-Universität und schloss sein Studium in Marburg ab. Eine Karriere als Verwaltungsrichter schlug er aus und machte stattdessen seinen Nebenjob als Fußballreporter zum Hauptberuf. Das erste Mal als Fußballreporter auf Sendung war er 1972 bei einem Spiel in Wattenscheid. Am 13. Dezember 2008 hat Manni Breuckmann aus dem Bochumer Stadion sein (vorläufig) letztes Fußballspiel übertragen.
Foto: Foto: WDR/Sachs

Ich war nie so dick im Geschäft in den ersten Jahren, dass die Versuchung da gewesen wäre, mein Studium hinzuschmeißen.

RUB Alumni: Wie sind Sie darauf gekommen, in Bochum zu studieren?

Breuckmann: Die Bochumer Uni war in relativer Nähe zu meinem Wohnort Datteln und somit war das einfach das naheliegendste. Ich hab mir dann eine Bude gesucht und zwar in Witten-Heven… „hinter den Bergen, bei den sieben Zwergen“.

RUB Alumni: Warum haben Sie sich für Jura als Studienfach entschieden?

Breuckmann: Das war das sogenannte negative Subtraktionsverfahren. Ich wollte kein Lehrer werden; ich hatte keinen Zugang zu Naturwissenschaften, da war ich immer schwach in der Schule; Mediziner auch nicht, konnte kein Blut sehen; also blieb, da es ja auch etwas Praktisches sein sollte, mit dem man etwas anfangen konnte, eigentlich am Ende nur Jura übrig. Außerdem bin ich ein Beamtensohn, dem der Sicherheitsgedanke sozusagen mit der Muttermilch eingeflößt wurde und da musste es schon etwas Solides sein. Mein Vater hätte es gerne gesehen, dass ich irgendwann mal bei der Oberpostdirektion angefangen hätte zu arbeiten, der war nämlich Briefträger.

RUB Alumni: Wie hat sich Ihre Karriere vom Jurastudium hin zum Journalismus entwickelt?

Breuckmann: Ich hatte schon immer so einen Drang, mal Fußballreporter im Radio werden zu wollen. Das hat mich immer fasziniert. Im Stadion in Erkenschwick, wo ich des Öfteren hingegangen bin, hab ich mal welche gesehen, die da standen und Fußballspiele kommentierten. Dann wurde in einer Nachmittagssendung gesagt, es würden Nachwuchsreporter gesucht, das war 1970. Da hab ich mich einfach mal beworben, habe diverse Probereportagen gemacht, die erste im Stadion in Herne. Ab 1972 hat man mich dann auch auf den Sender gelassen. Ich habe das mit den Fußballreportagen immer als freier Mitarbeiter neben dem Studium gemacht, das ging ganz gut, weil die Spiele am Wochenende waren. Ich war nie so dick im Geschäft in den ersten Jahren, dass die Versuchung da gewesen wäre, mein Studium hinzuschmeißen.

RUB Alumni: Haben Sie noch was anderes gemacht im Bereich Journalismus?

Breuckmann: Nach dem zweiten Staatsexamen war ich vorübergehend mal als Gerichtsreporter für die NRZ tätig in Düsseldorf, aber diese Parallelität zwischen aktueller Berichterstattung und Fußball, das gab’s erst nach meiner Festanstellung beim WDR, also ab 1982. In den ersten zehn Jahren habe ich nur Fußballspiele übertragen. Da habe ich auch journalistisch nichts anderes gemacht, wenn man mal die Arbeit an der Schülerzeitung des Dattelner Gymnasiums abzieht.

RUB Alumni: Können Sie sich vorstellen, Sie hätten eine Alternativkarriere als Jurist gemacht?

Breuckmann: Nach dem zweiten Examen habe ich ja drei Jahre als Beamter im Bundespresseamt gearbeitet. Ich hatte auch vor, Verwaltungsrichter zu werden. Es war durchaus vorgesehen, dass das mit den Fußballspielen so ein Randaspekt bleibt und ich hauptsächlich als Jurist arbeite. Das ist mehr oder weniger Zufall gewesen, dass ein Angebot vom WDR auf Festanstellung kam. Das mit dem Verwaltungsrichter ist übrigens daran gescheitert, dass der Chef des Verwaltungsgerichtes in Gelsenkirchen verlangt hat, dass ich dann mit den Fußballspielen aufhöre, weil das mit der Würde des Richteramtes nicht zu vereinbaren sei. Das war so eine großbürgerliche Einstellung zum Richterdasein - er hat so getan als würde ich am Wochenende Schlammringkämpfe auf St. Pauli machen. Aber das habe ich abgelehnt. Ich wollte schon samstags weiter Fußballspiele kommentieren.

RUB Alumni: Wenn Sie sich an Ihre Zeit in Bochum zurückerinnern - wie war denn das, als Sie das erste Mal hier auf dem Campus standen?

Breuckmann: Es war sehr viel Beton, es war sehr viel Hochhaus und es war sehr viel Masse. Ich kann mich an meine erste Vorlesung 1969 erinnern, da saß ich mit 600 Erstsemestern bei einer Vorlesung „Bürgerliches Recht für Anfänger“ und kam mir fast schon vor wie im Fußballstadion. Die Ruhr-Uni war auch damals schon eine Massenuniversität. Auf der anderen Seite fand ich es in Bochum ganz nett, die Kneipenszene war nicht schlecht und ich habe auch schnell ein paar gute Kumpels gefunden, mit denen ich was in der Freizeit gemacht habe.

RUB Alumni: Wie war der erste Kontakt mit der Universität als Behörde?

Breuckmann: Die Immatrikulation ist reibungslos und glatt gelaufen, da gab’s nix. Es war nur so, das war dann aber eher tragisch, ich bekam ja Förderung nach dem sogenannten Honnefer Modell (Vorläufer des heutigen BAföG, d.Red.) und dann starb meine Mutter im Februar 1970. Da hat dann die Verwaltungseinheit, die mit der Verteilung dieses Geldes zu tun hatte, gesagt: „Da sind ja jetzt in der Familie Breuckmann statt drei Personen nur noch zwei. Also bekommt der weniger Förderung.“ Das heißt, die unmittelbare Konsequenz aus dem Tod meiner Mutter sollte sein, dass ich weniger Stipendium kriege. Da war ich ziemlich schockiert angesichts dieser Maßnahme. Ich habe dann aber durch einen Härtefallausschuss erreicht, dass mein Stipendium nicht gekürzt wurde. Das war so eine Erfahrung, die ich gemacht habe, die im Endeffekt gut ausgegangen ist, aber erst nicht so schön war.

RUB Alumni: Gab es sonst im Studium noch andere prägende Erlebnisse?

Breuckmann: Wir haben viel in der Cafeteria rumgesessen und Skat gespielt. Dann gab’s natürlich auch noch politische Aktionen. Obwohl ich nie in irgendeiner Hochschulgruppierung gewesen bin, hab ich Flugblätter für den SHB verteilt, Sozialdemokratischer Hochschulbund, das war eine marxistische Organisation damals. Es ging um den Professor Scheuch, ein Soziologe, der damals als sehr konservativ galt. Der Schlachtruf lautete damals: „Scheucht Scheuch!“. - Sehr schön war auch eine Aktion in der Mensa, da sollte demonstriert werden, dass dieses Mensaessen unerträglich ist. Da hat der AStA größere Mengen Eintopf aufgekauft, und – in der Nachbarschaft war noch Landwirtschaft – hat den Eintopf den dort anwesenden Schweinen vorgesetzt und siehe da: Sie fraßen es nicht.

RUB Alumni: Gibt es einen Ort auf dem Campus, den sie regelmäßig aufgesucht haben?

Breuckmann: Ich war oft im Lottental. Ansonsten habe ich natürlich auch andauernd die Spiele des ruhmreichen VfL gesehen. Damals spielten solche Leute wie Walitza und so. Das gehörte auch dazu.

RUB Alumni: Ich muss mich an dieser Stelle leider als kompletter Fußball-Laie outen…

Breuckmann: Es macht nicht den Sinn der menschlichen Existenz aus, sich für Fußball zu interessieren.

RUB Alumni: Wie würden Sie denn jemandem, der keinen Zugang zu Fußball hat, Ihre Leidenschaft dafür vermitteln?

Breuckmann: Das geht nicht. Der Fußball ist bei uns sehr tief verwurzelt. Das hängt immer mit frühkindlichen Erlebnissen zusammen, dass man mit dem Vater zusammen in Fußballstadien gegangen ist und das sozusagen als das normalste der Welt empfunden hat, dass man Fußball im Stadion und im Fernsehen guckt – dieses Gefühl in einem fortgeschrittenen Alter herauszubilden, das ist extrem schwierig. Es könnte auch sein, dass viele Fußballspiele gar nicht so dramatisch und dynamisch und spannungsreich sind, wie man das immer nach außen zu vermitteln versucht, denn Fußball ist im Normalfall auch Scheitern. Man muss schon darauf warten, dass auch mal was Schönes gelingt. Gerade bei einem Verein wie dem VfL Bochum, der ziemlich wenig Glanzlichter setzt, bei dem man auch viele Negativerlebnisse hat und sehr viel leiden muss, ist das ja noch viel schlimmer. Es funktioniert vielleicht am besten in der Gruppe. Dass man sich vor dem Spiel zum Beispiel, wie ich das in der aktiven Reporterzeit immer getan habe, am Stadiongrill auf der Castroper Straße trifft, ne Bratwurst isst und ein Fiege Pils trinkt, dieses Gruppenerlebnis ist dann nahezu gleichwertig mit dem, was man im Stadion selber sieht. Da muss man gar nicht so puristisch auf den Fußball gucken. Das wäre also glaube ich der erste Zugang, den ich empfehlen könnte.

RUB Alumni: Also geht mit dem Fan-Dasein auch eine gewisse Leidensfähigkeit einher?

Breuckmann: Fußballfans – außer die des FC Bayern München – müssen immer leiden. Bayern München muss nur manchmal leiden, und deswegen freuen sich dann auch die allermeisten darüber, dass die auch endlich mal leiden müssen. Aber Fußballfans müssen immer eine hohe Leidensfähigkeit mitbringen - da gibt es schlimme Fälle, Rot-Weiß Essen zum Beispiel - die Erfolgserlebnisse überwiegen meistens nicht.

RUB Alumni: Was hat ihnen in Bochum gefehlt, dass sie nach Marburg übergesiedelt sind?

Breuckmann: Ich fand die bauliche Struktur in Bochum wirklich kalt und menschenfeindlich. Das muss ich echt sagen. Vor den Toren der Stadt eine Betonuniversität hinzusetzen, bei allen guten Ansätzen die das ja hat, dass man im Ruhrgebiet möglichst viele Studienplätze schaffen wollte, war das für mich gar nichts. Ich hab dann im zweiten Semester eine kleine Rundfahrt gemacht, erst in Köln, das stand auch zur Auswahl, und dann fuhr ich nach Marburg, wo ein Freund von mir schon studierte und das war genau das was ich mir vorstellte. Alte, kleine Universitätsstadt. Ist natürlich alles Geschmacksfrage, aber meinen Nerv hat’s voll getroffen. Andere Leute sind absichtlich in die Kaderschmiede nach Bonn gegangen, weil das so einen ganz exzellenten Ruf hatte, aber ich war nie so ein Karrierist. Ich war auch ein durchschnittlicher Student. Ich war am Ende meines Studiums nahezu begeistert darüber, dass ich mit relativ wenig Einsatz ein befriedigendes Examen gemacht habe. Ein Bekannter von mir saß jeden Abend, wenn wir immer in die Kneipe gingen,  da und lernte, und was hat er am Ende gehabt – auch ein „befriedigend“. Da hatte ich schon so eine Art Schadenfreude, ehrlich gesagt.

RUB Alumni: Gab es damals schon diese Repetitorien für Jurastudenten?

Breuckmann: Ohja. Alpmann und Schmidt. Die sind auch wesentlich mit verantwortlich für mein erfolgreiches Bestehen des ersten Examens. Die hatten Skripte, mündliche Kurse und Klausurenkurse und alles das habe ich mitgemacht. Ist natürlich eine große Tragik, dass die wesentlichen Voraussetzungen für ein erfolgreiches Studium nicht in der Universität gelegt werden sondern bei einem Repetitorium, aber das war eben so.

RUB Alumni: Haben Sie aus Bochum etwas mitgenommen nach Marburg?

Breuckmann: Aus Bochum habe ich die Fähigkeit mitgenommen, mich in vollkommen neuen Strukturen – die waren es ja für mich – selbständig bewegen zu können. Ich höre heute, dass Studenten ihre Mutter anrufen lassen, wann denn die Examensarbeit ist, ich weiß nicht ob das ein atypisches Beispiel ist, aber ich habe damals jedenfalls einen ersten großen Schritt zur Selbständigkeit getan.

RUB Alumni: Haben Sie noch zu Leuten Kontakt, die sie in Bochum kennengelernt haben?

Breuckmann: Einer meiner besten Freunde, zu dem habe ich über all die Jahre ziemlich intensiven Kontakt gehalten. Der hat hinterher ein Zweitstudium gemacht und ist jetzt Praktischer Arzt in Bremen.

RUB Alumni: Was bedeutet Ihnen Ihr Studium heute?

Breuckmann: Das Jurastudium hat mir die Fähigkeit vermittelt, Berge von Fakten nach bestimmten Kriterien zu ordnen. Strukturiertes Vorgehen habe ich durch das Studium gelernt. Und zweitens bin ich wirklich stolz darauf, dass ich das komplett zu Ende gebracht habe. Einfach durchgehalten habe, mal etwas grundsätzlich durchgezogen habe und nicht einer von diesen ganz vielen abgebrochenen Studenten bin, die sich da im Journalistenberuf tummeln. Das muss nichts über die Qualität als Journalist oder als Reporter sagen, aber ich find es schon ganz nützlich, dass man sich mal mit einer Sache durchgängig bis zum Ende beschäftigt hat.

RUB Alumni: Was würden Sie einem heutigen Studierenden mit auf den Weg geben?

Breuckmann: Auf jeden Fall: er soll sich nicht verrückt machen lassen. Ich habe des Öfteren das Phänomen kennengelernt, dass einem Dinge so erscheinen, als stünde in der Entfernung von zehn Metern eine fünfzig Meter hohe Mauer. Aber wenn ich einen Meter davorstehe, dann ist die Mauer schon viel kleiner geworden und stellt sie sich in den allermeisten Fällen als übersteigbar heraus.

RUB Alumni: Vielen Dank für das Gespräch!

 

 

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