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2010

Prof. Dr. Ulrich Borsdorf

Direktor der Stiftung Ruhr Museum bis 2011

Prof. Dr. Ulrich Borsdorf studierte an der Ruhr-Universität von 1966 bis 1972 Geschichte und Germanistik für das Lehramt. Nach seiner Assistenzzeit bei Lutz Niethammer in Essen wurde er 1981 bei Hans Mommsen an der RUB promoviert. Prof. Dr. Borsdorf arbeitete anschließend als Historiker im Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut, bis er 1986 Direktor des Ruhrlandmuseums in Essen wurde (heute "Stiftung Ruhr Museum").

 

Die Universität war im Aufbruch, und ich war in einem persönlich-biographischen Aufbruch.

RUB Alumni: Können Sie uns Ihren universitären und beruflichen Werdegang kurz skizzieren?

Borsdorf: Ich habe im Sommersemester 1966 angefangen, an der Ruhr-Universität Geschichte und Germanistik für das Lehramt zu studieren. Zwischendurch bin ich zum Studieren nach Freiburg gegangen, allerdings nur für ein Semester, und dann bin ich reumütig zurückgekommen, weil es in Freiburg „zu schön“ war.

RUB Alumni: ??!

Borsdorf: Ja, die Kommilitonen dort hatten alle Cabriolets und die Seminare waren übervoll, Freiburg war einfach eine Massenuniversität. Da habe ich mich wirklich nach der Ruhr-Universität Bochum zurückgesehnt und bin zurückgekehrt. Dort habe ich dann bis 1972 studiert und Examen gemacht. Anschließend bin ich als Assistent zu Lutz Niethammer gegangen, der einen Lehrstuhl an der damaligen Gesamthochschule Essen aufbaute. Nebenbei habe ich versucht, zu promovieren, das habe ich aber erst geschafft, als meine Uni-Zeit schon vorbei war. Anschließend bin ich bei einer Zeitschrift, die im Umfeld des Deutschen Gewerkschaftsbundes erscheint, Redakteur geworden und nach ein paar Jahren habe ich als Historiker im Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Gewerkschaften gearbeitet. 1986 bin ich Direktor des Ruhrlandmuseums geworden.
Seit 2007 gibt es ja das Ruhrlandmuseum nicht mehr, wir sind jetzt die „Stiftung Ruhr Museum“. Und seit Jahrenden arbeite ich daran, mit dem Ruhr Museum zur Zeche Zollverein Schacht XII um zu ziehen – im Herbst 2009 soll die neue Dauerausstellung eröffnen.

RUB Alumni: Sie haben gerade gesagt, „Freiburg war zu schön“; die Ruhr-Universität wird ja oft kritisiert wegen ihrer Architektur, aber Sie fanden das ganz angenehm?

Borsdorf: Als ich an der Ruhr-Universität anfing, gab es ja nur die beiden Gebäude IA und IB. Und der Rasen dazwischen, der war so ein bisschen abschüssig und diente als Liegewiese. Ich habe mich an der Architektur nie gestört, obschon ich in dieser Hinsicht auch sehr empfindlich sein kann. Abgesehen mal von der baulichen Gestalt – den fertigen Campus habe ich nicht mehr miterlebt – war die Atmosphäre an der Universität Bochum von großem Pioniergeist geprägt und das hat mir gefallen. Ich hatte Bochum als Studienort mit Bedacht ausgewählt, hatte mir vorher auch Marburg, Heidelberg und noch so ein kleines Universitätsstädtchen angeschaut. Dort hatte es mir aber überhaupt nicht gefallen. Ich wollte nicht in einen Ort ziehen, der von der Universität beherrscht wird, sondern in eine Stadt, in der auch normales Leben stattfindet. Und damals, das war vor ´68, gab es auch sehr konservative Traditionen, auch unter den Studierenden, und die waren mir fremd. Und das alles gab es an der Bochumer Universität nicht – deswegen hatte ich mich entschieden, dahin zu gehen, wo etwas Neues gemacht wurde.

RUB Alumni: Wie haben Sie denn die ´68er-Zeit an der Ruhr-Uni miterlebt?

Borsdorf: Das Thema ist ja jetzt in aller Munde und wird ja auch buchfüllend behandelt. Ich bin immer noch fest davon überzeugt, dass diese Zeit ein politischer Aufbruch für die Bundesrepublik Deutschland und ein wichtiger Einschnitt in der politischen und gesellschaftlichen Geschichte der Bundesrepublik war, mit allen Licht- und Schattenseiten.
Ich kann die Kritik an den ´68ern zwar verstehen, aber ich finde schon, dass sich ´68 – unter dem Strich – für die Gesellschaft positiv ausgewirkt hat.
Ich persönlich habe die Phase der politischen Fraktionierung der Studentenbewegung nicht mitgemacht, ich bin eher in dieser Sponti-Aufbruchphase geblieben. Abgesehen von allem Ernst, den wir da politisch hineingelegt haben, war es auch mit unheimlich viel Spaß verbunden, sich gegen die damaligen noch vorherrschenden, stickluftigen Strukturen mit Phantasie zur Wehr zu setzen. Zur Gewalt hatte ich kein Verhältnis, das wollte ich überhaupt nicht.
Z. B. ist mir die Rote-Punkt-Aktion im Gedächtnis geblieben (1971, d. Red.): Das war so eine Mitfahr-Aktion bei einem Streik gegen die Bogestra. Alle, die jemanden auf dem Weg zum Campus und zurück im Auto mitnehmen wollten, hatten so einen roten Punkt am Auto kleben. Und ich fuhr immer mit meinem vollbesetzten Fiat 500 da lang und habe die Leute aufgesammelt. Im Rahmen dieser Rote-Punkt-Aktion gab es dann auch zwei große Streikdemonstrationen, und ich erinnere mich, dass ich auf dem Markt in Bochum Tulpen gekauft habe, die ich hinter die vergitterten Scheiben des von mir erkletterten Wasserwerfers geklemmt habe. Da wurde ich dann auch abgeführt und so. Also ich will nicht so tun, als sei das sozusagen der heilige, nüchterne, politische Ernst gewesen, für mich war das natürlich mit einem großen intellektuellen und auch sonstigen Vergnügen besetzt, vor allem in dieser Lebensphase.

RUB Alumni: Wie haben Sie das Studieren an der Ruhr-Universität empfunden, gab es auch Professoren, Lehrer, die Sie stark beeinflusst haben?

Borsdorf: Ja, die Fakultät für Geschichtswissenschaft war damals, das konnte ich zwar als Erst- oder Zweitsemester noch nicht erkennen, hervorragend besetzt. Und es waren viele relativ junge Leute da; Rudolf Vierhaus als erster Dekan der Geschichtswissenschaft z. B. spielte dort im besten Sinne eine positiv-liberale Rolle. Und dann kam eben auch Hans Mommsen und noch andere, z. B. Max Imdahl. Das war damals, finde ich, Ende der ´60er, Anfang der ´70er Jahre eine der besten geschichtswissenschaftlichen Fakultäten in Deutschland. Bis dann das Zentrum der Erneuerung der Geschichtswissenschaft nach Bielefeld gegangen ist. Wo es jetzt ist, weiß ich nicht.

RUB Alumni: Vermissen Sie etwas, wenn Sie an Ihre Studienzeit in Bochum zurückdenken?

Borsdorf: Ach, was man eben so vermisst, wenn man sich an seine Jugend erinnert. Natürlich habe ich den Beginn des Studiums als Befreiung empfunden. Ich kam frisch von der Bundeswehr und habe es sehr genossen, zum ersten Mal ein weitgehend selbst bestimmtes Leben führen zu können. So habe ich nie das Fehlen von Studienplänen oder festen Vorgaben beklagt. Das Grundstudium in Bochum war damals sehr arbeitsam, das kann ich nicht anders sagen. Wir wurden schon zum Arbeiten angehalten, allerdings war es auch möglich, da zu arbeiten. Wir waren damals bei Hans Mommsen vielleicht ein Dutzend Studierende und das ging alles sehr familiär und im kleinen Kreise zu und man hatte direkten Kontakt zu den Lehrenden. Das war ein unglaublicher Vorteil.

RUB Alumni: Gibt es einen Gegenstand aus Ihrer Studienzeit, den Sie bis heute aufgehoben haben?

Borsdorf: Ja, meinen Studentenausweis. Das ist noch dieser alte Hollerith-Lochkarten-Ausweis gewesen. Auf der einen Seite war die Semestermarke aufgeklebt, auf der anderen Seite befand sich das Passfoto. Ich hatte den Ausweis aber manipuliert … An der Kino-Kasse habe ich ihn immer so vorgelegt, dass die Seite mit der Marke nach oben zeigte; auf die Bitte, das Passfoto zu zeigen, habe ich den Ausweis dann umgedreht – und dem Kassierer blickte das Gesicht eines freundlich lächelnden Schimpansen entgegen.
Dieser Studentenausweis ist dann 1994 bei der Ruhrgebiets-Ausstellung „Feuer und Flamme“ im Gasometer Oberhausen gezeigt worden: als Exponat, das auf die Universitätsgründungen und den Strukturwandel im Ruhrgebiet verweisen sollte.

RUB Alumni: Wenn Sie Ihr Studium in vier Worten zusammenfassen müssten, wie würden Sie das machen?

Borsdorf: Aufbruch, Qualität, Arbeit, Vergnügen. Die Universität war im Aufbruch, und ich war in einem persönlich-biographischen Aufbruch. Das Studium hatte eine gute Qualität, ich fühlte mich gut ausgebildet, als ich von der Universität kam. Dass es viel Arbeit war, das stimmt, aber dagegen hatte ich nichts und dass es Vergnügen bereitet hat, sowohl die Arbeit wie auch die Nicht-Arbeit, das will ich betonen.

RUB Alumni: Das klingt nach einer runden Sache. – Heute verbindet Sie ja noch einiges mit der Bochumer Universität, z. B. haben Sie auch eine Lehrtätigkeit im Bereich Neuere Geschichte.

Borsdorf: Ich habe jetzt meine Lehrtätigkeit unterbrochen, weil die Aufgabe, das Museum zu machen, sehr viel Zeit in Anspruch nimmt und ich mich nicht genug vorbereiten kann. Aber zu den Studierenden halte ich den Kontakt. Ich und mein Kollege und Freund Theodor Grütter, wir haben viele Seminare gemacht, die sich im weitesten Sinne um das Ruhrgebiet, um das Museum, um die Theorie und Geschichte von Museen, Ausstellungen usw. rankten. Wir haben auch Exkursionen für Historiker angeboten. An diese Exkursionen habe ich wunderbare Erinnerungen: Das war ein riesen Tohuwabohu und ein Chaos mit 50 oder sogar 100 Studierenden. Wir haben dabei immer die Studierenden aus Essen und Bochum zusammengeführt und sind dann mit zwei Bussen auf die Reise gegangen.
Viele von den Studierenden haben dann bei uns als Praktikanten gearbeitet, einige sind bei uns fest oder frei eingestellt. Wir haben sozusagen aus den Studierenden unsere nicht festen Mitarbeiter rekrutiert und das ist, glaube ich, in beiderseitigem Interesse.

RUB Alumni: Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Ihrem Studium und Ihrer jetzigen beruflichen Tätigkeit?

Borsdorf: Das Studium hat mir die Gewissheit vermittelt, dass ich eine wissenschaftliche Grundlage für meine jetzige Tätigkeit habe. Und die halte ich für Museen unverzichtbar. Natürlich sind Ausstellungen in der Regel keine wissenschaftlichen Veranstaltungen. Ausstellungen sollen publikumsattraktiv sein – wie z. B. „Feuer und Flamme“ oder „Sonne, Mond und Sterne“, die erfolgreichsten Ausstellungen der letzten 20 Jahre im Ruhrgebiet –, aber sie sollen nicht oberflächlich sein. Museen haben eine Mittlerfunktion zwischen Wissenschaft und Bildung. Insofern bin ich ein Verfechter von wissenschaftlichen Leistungen auch in diesem Bereich. Natürlich muss man im Museum auch ganz andere Sachen machen, die mit Wissenschaft nur teilweise was zu tun haben. Aber das kann man „on the job“ lernen. Aber die wissenschaftliche Ausbildung bleibt für mich verpflichtend. Ich selber fühle mich aus diesem Grund sicher in meiner Aufgabe.

RUB Alumni: Wenn Sie heute noch einmal studieren würden, welches Fach würden Sie wählen?

Borsdorf: Ich hätte damals den Mut aufbringen sollen, Kunstgeschichte zu studieren. Die hatten einfach die schöneren Frauen ... Nein, Spaß beiseite. Kunstgeschichte hätte mich sehr interessiert, aber das habe ich mich nicht getraut, weil mir nicht klar war, was man damit beruflich anfangen konnte. Vielleicht war es aber auch meinen Eltern nicht klar und die haben mich indirekt beeinflusst, ich habe dann ja schließlich das Lehrerexamen gemacht. Kunstgeschichte würde mich immer noch interessieren und alles, was mit Architektur, Fotografie und grafischem Design zu tun hat. Letztendlich konnte ich das aber durch meine persönlichen Neigungen und durch meinen Beruf nachholen.

RUB Alumni: Kennen Sie denn auch die Kunstsammlungen der Ruhr-Universität?

Borsdorf: Ich muss sie mir noch einmal ansehen. Es ist schlicht zu lange her, dass ich dort war.

RUB Alumni: Wie geht es denn nun weiter mit dem Ruhr Museum?

Borsdorf: Wir werden das Ruhr Museum mit einer Sonderausstellung des Domschatzes von Essen eröffnen: Die Ausstellung heißt „Gold vor Schwarz“ und vereint die zwei Geschichten des Ruhrgebietes. Ich war immer der Auffassung, dass zumindest das Ruhr Museum sich nicht in der Darstellung der Industriegeschichte erschöpfen sollte. Das Ruhrgebiet hat nämlich insgesamt eine längere Geschichte und die möchte ich auch im Ruhr Museum darstellen. Und dann eröffnen wir im Herbst 2009 die neue Dauerausstellung.

RUB Alumni: Bei der Bewerbung für die Kulturhauptstadt 2010 waren Sie auch involviert, und zwar als Mentor für den Bereich der Geschichtskultur …

Borsdorf: Ja, ich habe auch selber ein Projekt vorgeschlagen: eine Ausstellung in der Mischanlage der Kokerei Zollverein. So ähnlich wie „Sonne, Mond und Sterne“, allerdings zum Thema „Schwerkraft“. Ich habe großes Interesse – kein Verständnis, kein Wissen – aber großes Interesse an Fragen der Physik und möchte gerne den Begriff der Schwerkraft wissenschaftsgeschichtlich, physikalisch, kulturell und auf der Metaebene behandeln. Ich bin nämlich seit Jahrzehnten ein entschiedener Gegner der Schwerkraft. Natürlich habe ich Zeit meines Lebens diesen Kampf gegen die Schwerkraft verloren, aber ich möchte die Frustrationen jetzt gerne abarbeiten.

RUB Alumni: Wenn Sie an heutige Bochumer Studierende denken, möchten Sie denen etwas mit auf den Weg geben?

Borsdorf: Ach nee, eigentlich nicht. Ich glaube, dass jede Generation sich ihren eigenen Bildungsweg zusammen bauen muss. Ich wünschte, dass die Studierenden darauf Wert legen, dass sie relativ autonom ihren Studiengang absolvieren. Dass sie sich nicht gängeln lassen, dass sie sich von ihren Interessen leiten lassen und von ihren Neigungen.

Von der Ruhr-Universität wünschte ich mir, dass sie trotz globaler Vernetzung – was für eine gute Universität natürlich das A und O ist – sich in einem Teil auf das Ruhrgebiet bezieht.
Gerade jetzt bei der Neukonzeption der Dauerausstellung des Ruhr Museums merke ich, dass ich gerne mehr wissenschaftlichen Input hätte bezüglich der Aufarbeitung der Geschichte des Ruhrgebietes – nicht als Heimat, sondern als ein Beispiel der Industrialisierung des montanindustriellen Typus und als Beispiel der Beziehung zwischen Natur und Kultur, die sich bei der Nutzung fossiler Energie konstituiert. Da hätte ich ein Interesse, dass die vorhandenen Ansätze zu einer modern besetzten Regionalforschung noch besser zum Tragen kommen.

Ich finde aber auch, dass die Ruhr-Universität einen gewissen Stolz darüber empfinden kann, dass sie ganze Studentengenerationen eines Gebietes geprägt hat, die historisch eigentlich nicht zu dem Rekrutierungsreservoir von Studenten und Studentinnen gehört haben. Die Universitäten haben mitgeholfen, hier im Ruhrgebiet ein neues soziales Stratum entstehen zu lassen: das „Ausbildungsbürgertum“. Diese neu entstandene soziale Schicht ist heute zwischen 25 und 45 Jahren alt und trägt das Ruhrgebiet. Die haben vielleicht nicht den bildungsbürgerlichen Hintergrund und Habitus, den es in typischen bildungsbürgerlichen Familien außerhalb des Ruhrgebietes gibt, aber sie haben eine gute Ausbildung an den Universitäten erhalten, die hier sind.

RUB Alumni: Vielen Dank für das Gespräch.

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