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2005

Prof. Dr. Kornelia von Berswordt-Wallrabe

bis Januar 2009 Direktorin am Staatlichen Museum Schwerin

Prof. Dr. Kornelia von Berswordt-Wallrabe studierte von 1979 bis 1984 an der Ruhr-Universität Kunstgeschichte, Philosophie und Archäologie und wurde 1989 im Fach Kunstgeschichte promoviert. Nach Stationen an Museen in Recklinghausen und Wiesbaden war sie von 1993 bis 2009 Direktorin des Staatlichen Museums Schwerin. Seit 1999 hat Frau von Berswordt-Wallrabe eine Professur an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee inne.

Ich habe natürlich in Bochum wohnend das Wachsen der Campus-Architektur beobachten können. Sie gefiel mir, vor allem auch als Ausdruck ihrer Zeit.

RUB Alumni: Wie kam es, dass Sie Bochum als Studienort für Kunstgeschichte wählten?

Prof. von Berswordt-Wallrabe:Ich wohnte schon in Bochum und da lag es halt sehr nahe, aber es gab noch einen zweiten Grund: Ich war Galeristin und arbeitete mit zeitgenössischer Kunst. Und Bochum war zu dieser Zeit der einzige Ort, an dem man zeitgenössische Kunst wirklich von der Pieke auf studieren konnte, nämlich alles was russischen Konstruktivismus, de Stijl oder auch was die Hannoveraner Konkreten um Kurt Schwitters anbetraf.

RUB Alumni: Können Sie sich noch daran erinnern, als Sie zum ersten Mal die Ruhr-Universität gesehen haben? Wie war Ihr Eindruck von der Campus-Architektur?

Prof. von Berswordt-Wallrabe:Ich habe natürlich in Bochum wohnend das Wachsen der Campus-Architektur beobachten können. Sie gefiel mir, vor allem auch als Ausdruck ihrer Zeit. Natürlich gab es später Kritik, aber letztendlich musste man so bauen, wenn man zu dieser Zeit baute. Das empfinde ich als einen ganz wichtigen Punkt, der in Bochum im Rahmen von architektonischer Fragestellung ganz beherzt gesetzt wurde.

RUB Alumni: Sie sind seit 1993 Direktorin des Staatlichen Museums Schwerin, das bekannt ist für seine Wechselausstellungen mit dem Schwerpunkt zeitgenössischer Kunst. Das Museum ist 2005 als „Museum des Jahres“ ausgezeichnet worden (durch den Internationalen Kunstkritikerverband AICA, d. Red.), und in das „Blaubuch“ aufgenommen worden (Verzeichnis national bedeutender Kultureinrichtungen in den neuen Bundesländern, d. Red.). Insgesamt ist das eine sehr erfolgreiche Bilanz, die natürlich auch Ihre Handschrift trägt. Würden Sie sagen, dass Ihre Vorliebe mit zeitgenössischer Kunst zu arbeiten auch durch das Studium an der Ruhr-Universität geprägt wurde?

Prof. von Berswordt-Wallrabe:Die Liebe zur zeitgenössischen Kunst gab es ja schon vor dem Studium durch meine Tätigkeit als Galeristin. Der Kontakt mit Künstlern war dadurch sehr intensiv und es war mir wichtig, diese quasi direkt an der Kunst gelagerte Arbeit durch theoretische Studien zu untermauern. Um urteilsfähiger zu werden. Natürlich kommen Urteile – wenn sie wirklich gut sind – aus dem Kopf und aus dem Bauch. Aber der Kopf musste halt noch hinzukommen. Insofern war das Studium für mich unumgänglich. Es war kein „Jugendstudium“, sondern in meinem Fall ganz ausdrücklich und bewusst gewählt. Das hat sicherlich dazu beigetragen, dass ich heute die Zusammenschau, also zeitgenössische Kunstproduktion und die theoretische Fragestellung an diese Kunst, in meiner Arbeit zum Ausdruck bringe. Es ging mir immer um die Zusammenschau beider Bereiche, und die wurde mir natürlich nur durch das Studium möglich.

RUB Alumni: Wie würden Sie in einem Satz Ihr Studium im Nachhinein beschreiben?

Prof. von Berswordt-Wallrabe:Für mich hielt das Studium wirklich große Sachverhalte bereit, es gab mir später die Möglichkeit, wirklich kompetent auf Fragen zu antworten – Fragen die ich mir stellen wollte oder die aus einem Fach gestellt wurden.
Natürlich gab es auch bedeutende Lehrer, die für mich wichtig waren: Max Imdahl, Kurt Flasch oder Bernhard Waldenfels. Ich habe noch immer Mitschriften aus bedeutenden Vorlesungen. Das sind Fundgruben, aus denen heraus ich noch immer wieder Fragestellungen entwickele.

RUB Alumni: Sehen Sie sich als Imdahl-Schülerin (erster Lehrstuhlinhaber des Kunstgeschichtlichen Instituts der RUB, 1925-1988, d. Red.)?

Prof. von Berswordt-Wallrabe: Ja, unbedingt. Schon die Magisterarbeit hatte ich bei Max Imdahl geschrieben. Auch die Dissertation hatten wir weitgehend bearbeitet und diskutiert, aber dann verstarb er. Prof. Michael Hesse hat die Verteidigung meiner Dissertation begleitet. Er steht auch in dieser Tradition und insofern war es mir sehr willkommen, dass er dann die Aufgabe übernahm, mich zu promovieren. Insgesamt hatte ich bedeutende Lehrer – einen Imdahl gab es sonst nirgendwo in Deutschland, und das betrifft Flasch und Waldenfels im Grunde ebenso. Insofern bin ich einverstanden, wenn die Ruhr-Universität sich ihrer Qualität tatsächlich bewusst ist.

RUB Alumni: Gibt es neben den Mitschriften denn noch andere Gegenstände aus Ihrer Studienzeit, die Sie heute noch besitzen?

Prof. von Berswordt-Wallrabe: Das Studienbuch habe ich natürlich noch. Darin blättere ich eigentlich nicht mehr, erst als ich mich auf unser Interview vorbereitet habe, habe ich noch mal hineingeschaut.

RUB Alumni: Gab es an der RUB auch Angebote neben dem Studium, die Sie wahrgenommen haben?

Prof. von Berswordt-Wallrabe:Ja, im Grunde schon: natürlich Theater, Galerien, das Museum Bochum. Man wohnt in der Umgebung des Ruhrgebiets ja sehr zentral. Es gibt die größte museale Dichte für mein Fachgebiet und natürlich auch Theaterdichte. Oder Pina Bausch. Das war nicht nur zur Unterhaltung für mich interessant, sondern natürlich auch Zeitausdruck und da lag Bochum zumindest in dieser Zeit einfach sehr weit vorn. Und das gehört einfach zu dem Umfeld, „Studium in der Kultur“, Bilder zu denken.

RUB Alumni: Gab es auch Veranstaltungen und Einrichtungen auf dem Campus, die Sie besucht haben, beispielsweise die Angebote des Musischen Zentrums oder war das zu Ihrer Zeit noch nicht so stark ausgebaut?

Prof. von Berswordt-Wallrabe:Das RUB Museum wurde zu meiner Zeit aufgebaut (Kunstsammlungen der RUB, d. Red.). Das war im Grunde spektakulär, weil es das einzige Museum in Deutschland war, das wirklich direkt einer Uni gehörte. Es trat noch nicht so sehr durch viele Veranstaltungen hervor, aber das war natürlich ein wichtiger Part.

RUB Alumni: Nun waren Sie als Galeristin natürlich das Arbeiten mit Originalen schon gewohnt, aber für viele Studierende ist dies oft eine Möglichkeit, erstmals nicht nur mit Abbildungen zu arbeiten, sondern auch den Originalen näher zu kommen. Konnten Sie denn auch während Ihres Studiums mit dieser Kunstsammlung arbeiten?

Prof. von Berswordt-Wallrabe:Das war auch wunderbar in der Archäologie möglich. Denn im Ruhrgebiet war es nicht so ganz weit her mit einer Altertumssammlung. Und die war mit der Kunstsammlung auf einmal gegeben. Da waren die Originale da. Das ist etwas, das man auch am Institut für wichtig hielt, denn auch meine Mitstudierenden waren nicht immer so gut situiert, dass sie viel in der Welt herumreisen konnten. Natürlich wurden Exkursionen gemacht, aber in diesem großen Gebiet war die Kunstsammlung wichtig.

RUB Alumni: Wie gestaltete sich denn Ihr Berufseinstieg nach Beendigung Ihres Studiums?

Prof. von Berswordt-Wallrabe: Zu meiner Zeit machte man zuerst den Magister, während man zuvor direkt mit der Promotion abschloss. Das war zu meiner Zeit leider nicht mehr möglich. Nach dem Magister bewarb ich mich auf eine Volontariats-Stelle am Museum Recklinghausen; das ist ein Ausbildungsgang an Museen, um vom theoretischen Wissen dann auch auf den praktischen Umgang zu kommen. Und während dieses Volontariats, das zwei Jahre dauerte, habe ich meine Dissertation beendet.

RUB Alumni: Das ist sicherlich anstrengend gewesen.

Prof. von Berswordt-Wallrabe: Ja, vor allem hatte ich auch noch eine Familie mit drei Kindern.

RUB Alumni: Wie sahen dann Ihre Stationen nach dem Volontariat aus?

Prof. von Berswordt-Wallrabe: Ich wurde als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Recklinghausen übernommen und habe dort eine feste Stelle einnehmen dürfen. Nach einem Jahr, 1990, bin ich nach Wiesbaden gegangen, als stellvertretende Leiterin der Abteilung Kunst am Landesmuseum in Wiesbaden. 1993 bin ich Direktorin des Staatlichen Museums Schwerin, Kunstsammlungen, Schlösser und Gärten in Mecklenburg-Vorpommern geworden.

RUB Alumni: In der Rückschau – was würden Sie sagen, hat Sie in Ihrem Studium besonders auf die Tätigkeit als Museumsdirektorin vorbereitet?

Prof. von Berswordt-Wallrabe: Das theoretische Arbeiten und die Fähigkeit, dieses zu strukturieren. Auch in Bezug auf das Thema Publikationen – hier in Schwerin konnte ich in knapp 16 Jahren 110 Publikationen herausgeben. Und auf der anderen Seite geht es auch um die Frage: Wie gehe ich ein Projekt an. Ich bin an der Ruhr-Universität wissenschaftlich sehr gut ausgestattet worden, aber was fehlte, und was zu dieser Zeit auch noch gar nicht zu bekommen war, das sind die Management-Funktionen, die ich heute ausübe. Aber das ist sowieso eine Grundsatzfrage, die wir uns in der Berufsgruppe der Museumsleute und Kunsthistoriker stellen müssen: Wie bilden wir eigentlich Museumsdirektoren aus? Denn Museen werden weiterhin gegründet und bedürfen wirklich gut ausgebildeter Leitungspersonen. Und an den Universitäten wird der Bereich Management in der Ausbildung Kunstgeschichte nicht vorgehalten.

RUB Alumni:Wenn Sie an Ihre Studienzeit an der RUB zurückdenken, gibt es etwas, das Sie heute vermissen?

Prof. von Berswordt-Wallrabe: Ja, im Tagesgeschäft eines Direktorenpostens fehlt der intensive Austausch im theoretischen Bereich. Ich befasste mich früher auch gerne mit philosophischen Fragen, das ist natürlich jetzt ganz hinten angestellt. Dieser Austausch, die wirkliche Auseinandersetzung mit Sachverhalten des Faches, der ist einfach aus Zeitfragen nicht mehr möglich. Der wäre möglich, wenn man als wissenschaftlicher Angestellter im Bereich der Leitung der Fachabteilungen wäre, aber für eine Direktorin ist es nicht mehr so gut möglich.

RUB Alumni: Wir haben gelesen, dass Sie Ende 2008 Ihre letzte Ausstellung kuratieren. Ist danach vielleicht wieder mehr Zeit, sich in solche Themenbereiche zu versenken?

Prof. von Berswordt-Wallrabe: Unbedingt, und das werde ich auch tun. Ich bin im Hochschulrat der Kunsthochschule Hamburg und ebenfalls als Honorarprofessorin weiterhin in Berlin-Weißensee an der Kunsthochschule tätig. Dann endlich wird es wieder ein Nachdenken über Dinge geben.

RUB Alumni: Möchten Sie den heutigen Bochumer Studierenden etwas mit auf den Weg geben?

Prof. von Berswordt-Wallrabe: Im Grunde wäre es gut, wenn sie sich für die Zusammenhänge unterschiedlicher Disziplinen interessierten. Für die dazwischen liegenden „Niemandsländer“, das heißt, die Bereiche zwischen den Fragestellungen. Das ist zumindest etwas, was mich immer sehr interessiert hat und das mir heute in der Arbeit ein ganz großer Fundus ist. Es gilt besondere Profile im Fach zu entwickeln und eben die nicht ausgetretenen Wege zu finden. – Das ist das, was ich in Schwerin gemacht habe und letztlich den großen Erfolg von Schwerin ausmacht.

RUB Alumni: Also im Sinne von Interdisziplinarität auch mal über den Tellerrand hinaus zu blicken. Das ist ja an der RUB durch den Campus sehr gut möglich, man kann auch mal schnell in eine Vorlesung eines anderen Faches gehen.

Prof. von Berswordt-Wallrabe: Diese Aktivität ist dringend erforderlich und die legt ein Studium in Bochum sehr gut nahe.

RUB Alumni: Vielen Dank für das Gespräch.

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