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2009

Dr. Tillmann Bendikowski

Geschäftsführer der Medienagentur Geschichte

Dr. Tillmann Bendikowski war bereits ausgebildeter Journalist, als er 1989 sein Studium an der RUB aufnahm. Er studierte bis 1994 Geschichte, Publizistik und Kommunikationswissenschaften sowie Theorie und Didaktik der Geschichte und arbeitete nebenbei bei einer Tageszeitung. 1999 wurde er im Fach Geschichte promoviert. Nach der Promotion machte sich Bendikowski selbständig und gründete seine „Medienagentur Geschichte“ mit Sitz in Hamburg.
Foto: Klaus-Reiner Klebe

Natürlich gab es auch in manch einem Seminar furchtbare Langeweile, die an Menschenrechtsverletzung grenzte, aber ich kann mich ebenso an spannende Lehrveranstaltungen erinnern.

RUB Alumni: Was genau macht die „Medienagentur Geschichte“?

Dr. Bendikowski: Die Aufgabe der Medienagentur Geschichte ist es, Geschichte zu erzählen und zu vermitteln. Wir bieten verschiedene Formen von Geschichtsvermittlung an: historische Ausstellungen, Buchprojekte, Betreuung von Funk- und Fernsehproduktionen oder die Vorbereitung und Realisierung von Kulturveranstaltungen bis hin zur eigenen Familiengeschichte. Außerdem bin ich auch an Forschungsprojekten beteiligt, kürzlich habe ich z.B. an der Ruhr-Uni bei einem Projekt von Professor Hölscher über Political Correctness mitgearbeitet.
 
RUB Alumni: Ein Blick zurück auf Ihr Studium – Wie war das, als Sie das erste Mal auf dem Campus standen?

Dr. Bendikowski: Das war bei der Immatrikulation, die damals noch im Audimax stattfand. Die Begegnung mit der Architektur war interessant und herausfordernd. Die Universität war ja damals beileibe auch nicht hässlicher als die Städte im Ruhrgebiet. Natürlich war keine Form von Betreuung vorhanden bei der Immatrikulation, das war sehr geschäftsmäßig und kühl. Aber wenn man mit einigen anderen ins Gespräch kam, war das auch zu ertragen.

RUB Alumni: Wie haben Sie während Ihres Studiums gewohnt?

Dr. Bendikowski: Als Neu-Ruhrgebietler sehr traditionell, im benachbarten Bochum-Langendreer bei einem ehemaligen Bergarbeiter in einem Haus mit Kohleofen, wie sich das gehörte. Der Hausbesitzer bekam noch Deputatkohle (Naturalleistung an Bergarbeiter, Anm. d.Red.), die ich zweimal im Jahr in den Keller geschaufelt habe. Dafür konnte ich mein ganzes Studium über umsonst heizen. Und ich erfuhr durch die Erzählungen der älteren Leute natürlich viel über die Sozial- und Mentalitätsgeschichte des Ruhrgebiets. Das war das Ruhrgebiets-Praktikum zum Studium.

RUB Alumni: Können Sie Ihr Studium an der Ruhr-Universität beschreiben?

Dr. Bendikowski: Das Studium habe ich sehr leidenschaftlich erlebt. Ich hatte zumindest im Fach Geschichte ausgesprochen gute, ambitionierte Lehrer. Natürlich gab es auch in manch einem Seminar furchtbare Langeweile, die an Menschenrechtsverletzung grenzte, aber ich kann mich ebenso an spannende Lehrveranstaltungen erinnern.  Im Gegensatz zu heute hatten wir viel mehr Zeit für das Studium. Wir mussten nicht mit jedem Seminarschein um unsere Endnote fürchten. Diese ständige Prüfungssituation nimmt dem studentischen Lernen soviel an Leichtigkeit und Unbefangenheit. Wo ist denn der Platz für die Fehler, wo ist der Platz für das Falsche? Warum darf man als Student nicht mal intellektuell in eine Sackgasse geraten?

RUB Alumni: Gab es denn Dinge oder Umstände im Studienbetrieb, die Sie damals als veränderungswürdig betrachtet haben?

Dr. Bendikowski: Jede Menge, wo sollen wir anfangen? Da waren die mangelnden Sprechstundenzeiten der Lehrenden, die überfüllten Seminare, die unschönen Prüfungs­bedingungen. Die Bibliotheksöffnungszeiten waren katastrophal. Aber das ist nicht das, was meine Erinnerung an das Studium prägt. Das sind vielmehr die Möglichkeiten, die uns damals gerade im Hauptstudium aufgezeigt wurden.

RUB Alumni: Haben Sie neben dem Studium auch andere Angebote auf dem Campus wahrgenommen, zum Beispiel im kulturellen Bereich?

Dr. Bendikowski: Eigentlich nicht. Aber zu Promotionszeiten hatten wir ein A-Capella-Quartett auf die Beine gestellt. Das waren lauter Historiker, drei Männer und eine Frau, die eine Zeitlang als „Schrödingers Katze“ auftraten, später sogar mal auf einer Absolventenfeier der Geschichtsfakultät.

RUB Alumni: Wie gestaltete sich denn das Ende Ihres Studiums? Wie sind Sie mit Ihren Kommilitonen auseinander gegangen?

Dr. Bendikowski: Wie das damals üblich war: gar nicht. Es gab keine Abschlussfeiern, das war eher schlicht und man war selbst dafür zuständig, Kontakt zu halten oder nicht. Dafür war es aber auch authentisch, schließlich war es ja das ganze Studium so gewesen. Wir studierten und promovierten sehr selbstbestimmt. Ich hatte nicht in einem Kolleg studiert, sondern ich durfte noch alleine promovieren – ich sage bewusst „ich durfte“. Die Einsamkeit des Forschenden kann durchaus ein Quell der Inspiration sein.
 
RUB Alumni: Haben Sie heute noch Kontakt zu Ihren Kommilitonen?

Dr. Bendikowski: Ja, zu Freunden, die ich damals kennengelernt hatte. Den meisten Kontakt mit einer Ehemaligen habe ich sicherlich mit meiner Ehefrau.

RUB Alumni: Wie ging es dann nach Ihrem Studium und Ihrer Promotion weiter? Wie haben Sie den Berufseinstieg gefunden?

Dr. Bendikowski: Nach meiner Prüfung trat ich ein Praktikum in einem wissenschaftlichen Verlag an. Während des Praktikums, Ende 1999, fiel dann die Entscheidung, mich selbständig zu machen. Ich entschied mich genau für den Mittelweg zwischen der Schnelligkeit des Publizistischen und der notwendigen Langsamkeit der Wissenschaft. Einem breiten Publikum nachvollziehbar und interessant Geschichte zu vermitteln, das hat uns die Generation der Historiker wie Hans Mommsen, Helga Grebing oder Günter Brakelmann noch vorgelebt. Rein praktisch fing ich mit Rezensionen für Tageszeitungen und Berichten über historische Jahrestage an, bis schließlich nach ein bis zwei Jahren der erste Großauftrag kam. Das war eine Sonderausstellung über Theodor Mommsen, den Urgroßvater von Hans Mommsen, so dass ich auch wieder ein bisschen mit meiner eigenen Bochumer Zeit zu tun hatte.

RUB Alumni: Vom Journalist zum Historiker, zur eigenen Agentur, das hört sich nach einer linearen Entwicklung an …?

Dr. Bendikowski: Im Nachhinein sieht sowas immer linear aus. Ist es natürlich nie, weiß der Historiker.

RUB Alumni: Ist der Doktortitel eigentlich hilfreich, wenn man als Inhaber einer Medienagentur Geschichte auftritt?

Dr. Bendikowski: Ja klar. Deutschland ist wunderbar obrigkeitshörig. Selbstverständlich kaufen die Kunden einem „Doktor“ viel lieber Geschichte ab als einem „M.A.“, von dem Sie gar nicht genau wissen wofür dieser Titel eigentlich steht. (lacht) – Nein, das ist schon ganz ernst: Die Promotion ist beim Historiker ein berufsqualifizierender Abschluss, ein Ausweis einer soliden wissenschaftlichen Leistung, die verbunden ist mit einer ersten großen Publikation. Das ist für den freien Markt unverzichtbar.

RUB Alumni: Gibt es Personen, die Sie an der RUB kennengelernt haben, mit denen Sie besondere Erinnerungen verbinden? Gibt es Lehrende, die Sie vielleicht besonders geprägt haben?

Dr. Bendikowski: Da gibt es natürlich meine beiden Doktorväter Hans Mommsen und Günter Brakelmann; beide waren im denkbar positivsten Sinne Doktor-Väter, wirklich auch in einer persönlichen Väterlichkeit. Außerdem Professor Hölscher. Aber auch im Grundstudium gab es viele Lehrende, die den Grundstock gelegt haben für ein leidenschaftlich betriebenes Geschichtsstudium.
 
RUB Alumni: Gibt es einen Ort auf dem Campus, mit dem Sie besondere Erinnerungen verbinden?

Dr. Bendikowski: Die Unibibliothek mochte ich immer sehr, ich habe aber auch, sehr ambivalent, darunter gelitten: Da wehte nicht der Geist, den ich mir erhofft hatte. Aber gerade die historischen Bestände der Bibliothek waren schon beneidenswert. Das war ein besonderer Ort mit einer besonderen Atmosphäre, die ich sehr geschätzt habe.

RUB Alumni: Fällt Ihnen eine nette Anekdote aus Ihrer Studienzeit ein?

Dr. Bendikowski: Für die ZEIT habe ich einmal einen Artikel zum 40jährigen Bestehen der RUB geschrieben, da gibt es eine schöne Anekdote. Ich ging mittags mit einem Bekannten zur Mensa essen, und da waren Maler, die das Gebäude anstrichen. Mein Bekannter sagte: „Guck mal, jetzt streichen sie schon die Uni an, und was machen sie – sie streichen sie grau!“. Das hörte der Maler, drehte sich zu uns um, zeigte auf den Eimer und sagte „Entschuldigung, aber das ist nicht Grau – das ist Blau 18“. Und doch: Es war Grau.

RUB Alumni: Würden Sie heutigen Bochumer Studierenden gerne etwas mit auf den Weg geben?

Dr. Bendikowski: Ich würde mir nichts einreden lassen von den Alten, deshalb auch von mir nicht. Ich kann mich an zwei „Ratschläge“ aus den ersten Semestern gut erinnern: Der erste war „Ihr werdet nie eine Stelle bekommen“. Das muss eine Frustrationserfahrung damals Lehrender gewesen sein – und sie bewahrheitete sich nicht. Der zweite war „Ihr werdet nie davon leben, Bücher zu schreiben“. Auch das stimmt nicht, wie ich inzwischen weiß. Der Arbeitsmarkt braucht ganz viele gute Historiker. Historiker werden auch außerhalb der klassischen Berufsfelder nachgefragt, weil ihre Kompetenzen bekannt sind. Der deutsche Historiker und die deutsche Historikerin haben einfach einen guten Ruf. In jeder Hinsicht: Geschichte lohnt sich.

RUB Alumni: Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

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